Bahnhof

Das alte Bahnhofsgebäude an der ul. Dworcowa konnte man bis vor kurzem kaum als Schmuckstück bezeichnen. Im Jahr 2008, als das erste Foto entstanden ist, teilte es das Schicksal vieler Bahngebäude im ganzen Land, die heruntergekommen sind und immer mehr zu verfallen drohen. Neben der Kasse des Busbahnhofs, der bis 2011 unübersehbar das Bild vor dem Gebäude prägte, waren im Bahnhof unter anderem ein Fliesengeschäft und ein Möbelladen untergebracht.

Mittlerweile ist das Gebäude teilweise modernisiert worden (siehe Foto vom 1. Juli 2012). Zumindest ein Teil des Gebäudes wird jetzt als Wartebereich für Passagiere und Verwaltungsräume genutzt. Auch das sich östlich des Gebäudes erstreckende Gelände, das sich an der ul. Dworcowa entlang zieht und auf dem sich früher Gleisanlagen befanden, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Stadt ist es nach mehrmaligen Anläufen gelungen, einen Teil des alten Bahngeländes zu veräußern, auf dem mittlerweile ein kleines Einkaufszentrum entstanden ist. Außerdem hat sie ein weiteres Ziel verwirklicht, nämlich einen neuen Busbahnhof gebaut, und zwar in relativer Nähe zum Bahnhofsgebäude. Dadurch müssen die Linienbusse nicht mehr vor dem engen Platz vor dem Bahnhof und an der ulica Dworcowa in Höhe des Arbeitsamtes halten.

Culmer Bahnhof im frühen 20. Jahrhundert, Repro aus dem Buch Chełmno auf alten Postkarten

Das Bahnhofsgebäude in Culm bestand anfänglich aus Holz. Erst 1905 wurde ein gemauerter Bahnhof mit Restaurant und Räumen für den Bahnbetrieb geschaffen. Auf der Reproduktion einer Ansichtskarte aus dem frühen 20. Jahrhundert erkennt man sein ursprüngliches Aussehen. Im Vergleich mit dem aktuellen Foto sieht man, dass er irgendwann später grundlegend umgebaut worden ist. Ein aus preußischer Zeit stammendes Foto zeigt den Warteraum der I. und II. Klasse, der in Form einer Bahnhofswirtschaft von Ernst Corell betrieben wurde.

Wartesaal im Culmer Bahnhof im frühen 20. Jahrhundert, Repro aus dem Buch Chełmno auf alten Postkarten

Die Bahnstrecke nach Culm diente in den ersten Jahren vornehmlich militärischen Zwecken. Erst später wurden Personenzüge eingesetzt. Da bei Culm keine Weichselbrücke gebaut wurde, die eine Anbindung an die bereits 1852 in Betrieb genommene Hauptstrecke Bromberg/Bydgoszcz – Dirschau/Tczew – Danzig/Gdańsk ermöglicht hätte, konnte der örtliche Kopfbahnhof nie größere Bedeutung erlangen. Die erste Culmer Schienenstrecke, die von den Preußischen Staatseisenbahnen geschaffen wurde, war 17,0 km lang und führte in südöstliche Richtung nach Kornatowo. Sie wurde am 15. August 1883 in Betrieb genommen. Die Station Kornatowo (westlich von Lisewo) lag an der sogenannten Weichselstädtebahn Marienburg/Malbork – Marienwerder/Kwidzyn – Graudenz/Grudziądz – Culmsee/Chełmża – Thorn/Toruń.

Am 25. Oktober 1893 wurde die Strecke Fordon – Unisław – Culmsee/Chełmża fertig gestellt. Bei Fordon, heute ein Stadtteil von Bromberg/Bydgoszcz, wurde eine 1325 m lange Brücke über die Weichsel gebaut, die damals als größte Eisenbahnbrücke im Deutschen Reich galt. Um eine Verbindung zwischen Bromberg bis nach Culm zu schaffen, begann man, Schienen von Unisław in Richtung Culm zu verlegen. Am 2. September 1901 nahmen die Preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen den 13,0 km langen Abschnitt zwischen Unisław und Althausen/Starogród in Betrieb und im folgenden Sommer, nämlich am 20. Juli 1902, war dann auch die 6,4 km lange Strecke zwischen Althausen und Culm fertig.

Zugfahrplan Chełmno 1929

Ab 1910 wurde an einer schnelleren Zugverbindung zwischen Thorn und Culm gearbeitet. Vom Bahnhof Thorn Nord aus wurde zunächst am 5. Oktober 1910 ein 6,1 km langer Abschnitt bis zur Station Waldmeisterkrug eröffnet. Diese Verbindung wurde in Richtung Unisław weitergeführt. Diese 22 Gleiskilometer waren am 1. Juli 1912 fertig gestellt.

1969 wurde der Bahnverkehr zwischen Culm/Chełmno und Unisław eingestellt, später ebenfalls die Strecke nach Kornatowo stillgelegt. Die Gleise sind im Culmer Stadtgebiet vollständig abgebaut, so dass nur noch das alte Bahnhofsgebäude und ein weiteres kleineres Gebäude an der ul. Łunawska an den einstigen Bahnverkehr erinnern. Darüber hinaus stehen zwischen der ul. Brzozowa und der Motocrossbahn im Südosten der Stadt noch die Pfeiler einer alten Brücke, auf der das Gleis in Richtung Unisław über ein Tal führte.

Quellen:

  • Chełmno auf alten Postkarten, herausgegeben vom Muzeum Ziemi Chełmińskiej, Chełmno 2000 (u.a. Repros der Bilder des ursprünglichen Zustands des Bahnhofs sowie der Bahnhofswirtschaft)
  • Hans-Wolfgang Scharf, Eisenbahnen in Westpreußen. Geschichtliche Entwicklung der Privat- und Staatsbahnen bis 1920, in: Westpreußen-Jahrbuch, Band 34, Münster 1984, S. 55-82
  • Eugenia Kwiatkowska, Chełmno w Polsce Ludowej (1945 – 1984), in: Marian Biskup (Red.), Dzieje Chełmna, Warszawa-Poznań-Toruń 1987, S. 375