Klamry – Gedenkstätte für NS-Verbrechen

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann kein gewöhnlicher Krieg. Es ging dem Aggressor nicht nur um die Durchsetzung von Gebietsansprüchen oder die militärische Niederringung des Gegners. Vielmehr sollte ein ganzer Staat von der Landkarte verschwinden, so wie es bis zur Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit am Ende des Ersten Weltkriegs über ein Jahrhundert lang der Fall gewesen war. Nach Vorstellung der Nationalsozialisten sollten so rasch wie möglich unumkehrbare Fakten geschaffen werden. Dazu gehörte es, die polnische Führungsschicht im wahrsten Sinne des Wortes zu beseitigen, also alle diejenigen Polen, die sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Funktionen während der Teilungszeit für die Unabhängigkeit ihrer Nation eingesetzt und ab 1918 am Aufbau und der Festigung des Bestands des jungen polnischen Staates beteiligt hatten. Diese potenziellen Widerstandskämpfer sollten gezielt gefangen genommen und getötet werden.

Gedenkstätte im Wald bei Klamry am 17.10.2015

Gedenkstätte im Wald bei Klamry am 17.10.2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So folgten den in Polen einrückenden deutschen Armeen der Wehrmacht Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Auch in dem von den Besatzern schon bald Reichsgau Danzig-Westpreußen genannten Teil Polens begannen sie, auf der Grundlage der nationalsozialistischen, rassistisch geprägten Weltanschauung die jüdische Bevölkerung, psychisch Kranke und Behinderte sowie einen erheblichen Teil der polnischen Elite zu ermorden. Zur Führungsschicht zählten die deutschen Besatzer unter anderem Priester, Lehrer, Beamte, Offiziere, Ärzte, Juristen, Großkaufleute, Handwerker und Gutsbesitzer, aber auch andere Personen, die sich in patriotisch ausgerichteten Organisationen betätigt hatten. Man schätzt, dass zehntausende Polen diesem auch „Intelligenz-Aktion“ genannten organisierten Massenmord zum Opfer fielen.

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An der „Intelligenz-Aktion“ waren nicht nur aus dem Reich stammende Deutsche als Angehörige des SS- und Polizeiapparats oder der Wehrmacht beteiligt, sondern auch viele Einheimische, nämlich „waffenfähige volksdeutsche Männer“ im Alter von 17 bis 45 Jahren, die sich dem Mitte September 1939 gegründeten „Volksdeutschen Selbstschutz“ angeschlossen hatten. Die Autoren einer detaillierten Studie über diesen von Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen gebildeten paramilitärischen Verband, der direkt der SS unterstellt war, haben seine Funktion zusammenfassend so beschrieben:

„Seine Aufgabe bestand offiziell darin, Volksdeutsche zu rekrutieren und zu organisieren, die später in SS und Polizei übernommen werden sollten, deutschen Besitz zu bewachen sowie polizeiliche Hilfsdienste bei SS- und Gestapo-„Aktionen“ zu leisten. Vielerorts verselbständigte sich die Miliz aber zu einer Organisation, in der deutschstämmige Polen als Rache für angebliche oder tatsächliche frühere Diskriminierungen, aus Rassenwahn oder auch nur aus purer Mordlust Verbrechen verübten. Darüber hinaus setzten die SS-Führer, Chefs der Zivilverwaltung und andere Instanzen der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft Selbstschutz-Angehörige als orts- und personenkundige Helfer und Denunzianten und als Mitglieder von Exekutionskommandos im Rahmen der Ausrottungsaktion gegen die polnische Intelligenz und die Juden ein.“

[aus: Christian Jansen / Arno Weckbecker, Der „Volksdeutsche Selbstschutz in Polen 1939/40, München 1992, S. 8]

Einen Überblick über die Ereignisse im Raum Kulm an der Weichsel, wie die Stadt Chełmno nad Wisłą unter deutscher Besatzung von 1939 bis 1945 hieß, finden Sie im 1997 verfassten Artikel Die nationalsozialistische Okkupation Kulms 1939-1945.

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Die Fotos in diesem Beitrag zeigen die Gedenkstätte an der Stelle im Wald zwischen den Ortschaften Klamry (dt. Klammer) und Rybieniec (dt. Ribenz), an der im Herbst 1939, insbesondere in der Zeit vom 12. Oktober bis zum 11. November, von Deutschen begangene Massenhinrichtungen stattgefunden haben (Lage bei Google Maps).

Die Opfer stammten überwiegend aus der Region. Die zuvor Inhaftierten wurden mit Kraftfahrzeugen und Bussen unter der Bewachung von Mitgliedern des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ in den rund sechs Kilometer östlich von Chełmno liegenden Wald gefahren und mit Maschinengewehren erschossen. An den Exekutionen sollen 20 Mitglieder des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ sowie Angehörige von SS, Gestapo und Polizei beteiligt gewesen sein. Es gab drei Sammelgräber mit einer Länge von etwa sieben Metern, in denen die Opfer verscharrt wurden. Näheres ist nicht bekannt, denn im August und September 1944 wurden die Leichen von den Deutschen im Rahmen einer zweiwöchigen Aktion exhumiert und verbrannt, um Spuren zu verwischen. Zudem waren die Befehlswege innerhalb des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ so gestaltet, dass keine schriftlichen Aufzeichnungen erstellt wurden. Eventuell vorhandene Dokumente wurden darüber hinaus später vernichtet. Es gibt daher keine bekannten Primärquellen über die Taten. Unter anderem aus diesem Grund ist die genaue Zahl der Opfer nicht feststellbar. In der Literatur ist von etwa 2000 Menschen die Rede, die im Wald bei Klamry ermordet worden sind. Laut der Inschrift auf dem Gedenkstein waren es sogar über 2500 Personen. Identifiziert werden konnte jedoch nur ein Bruchteil.

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In jüngster Zeit hat die für die staatsanwaltschaftliche Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Polen zuständige Stelle des Instituts für Nationales Gedenken die im Wald bei Klamry begangenen Straftaten noch einmal untersucht und am 3. März 2014 die Ergebnisse ihrer Ermittlungen veröffentlicht. Man habe die Personalien von 87 getöteten Polen feststellen können. Die Historikerin Anna Soborska-Zielińska (Chełmińskie pomniki i tablice pamiątkowe, Chełmno 2001, S. 80-84) hat die Namen von 161 Opfern ermittelt.

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