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Die nationalsozialistische Okkupation Kulms 1939-1945 II. Nationalsozialistische Okkupation Kulms von
1939 bis 1945 B. Kriegsbeginn und deutsche Minderheit C. Okkupationsverwaltung in Kulm 1. Grundzüge der NS-Verwaltungspolitik im besetzten Polen 5. Sonstige Einrichtungen in Kulm 1. Einsatzgruppen und „volksdeutscher
Selbstschutz“ 2. Erfassung der Polen in die Deutsche
Volksliste F. Lebensbedingungen der polnischen
Bevölkerung 1. Verbot der polnischen Sprache 4. Versorgung mit Konsumgütern und Wohnsituation 5. Beschlagnahme von Vermögen und Verwaltung der
Betriebe G. Polnischer Widerstand gegen die
Okkupanten I. Einleitung 1997
feiern die Städte Hannoversch Münden und Kulm (Che³mno) das fünfjährige
Bestehen ihrer Städtepartnerschaft, in deren Rahmen bereits viele Mündenerinnen
und Mündener die Stadt an der Weichsel kennen gelernt haben. Leider stehen dem
interessierten Besucher kaum Möglichkeiten zur Verfügung, sich mit Hilfe
deutschsprachiger Literatur über die Geschichte Kulms zu informieren. Mit dem
folgenden Aufsatz möchte ich dazu beitragen, diese Lücke ein wenig zu
schließen. An
dieser Stelle soll und kann nicht auf die Vergangenheit Kulms von ihren
Anfängen bis in die jüngste Gegenwart eingegangen werden. Es soll vielmehr ein
Abschnitt der Geschichte Kulms herausgegriffen und im Überblick dargestellt
werden, der das deutsch-polnische Verhältnis bis in die Gegenwart in vielerlei
Hinsicht prägt und nach meiner Auffassung der bedeutsamste ist: Die
nationalsozialistische Okkupation von 1939 bis 1945. Dabei werden die
grundlegenden politischen Ziele, die die Besatzer im nördlichen Teil Polens,
dem “Reichsgau Danzig-Westpreußen“, verfolgten, kurz beschrieben sowie die
organisatorischen Strukturen des Machtapparates skizziert. Da hierzu eine Reihe
von Publikationen in deutscher Sprache vorliegen, soll das Schwergewicht aber
bewusst auf der Beschreibung der Situation und der Vorgänge im Kreis Kulm
liegen, weil für den Zeitraum 1939 bis 1945 - nach meiner Kenntnis - keine
(brauchbaren) deutschen Veröffentlichungen erschienen bzw. bisher nicht in
deutscher Übersetzung zugänglich sind. Diese
Arbeit stellt keine neuen Forschungsergebnisse dar, sondern fasst lediglich die
Erkenntnisse der - in erster Linie polnischen - Historiker zusammen.
Wesentliche Grundlage dieses Aufsatzes ist die 2. Auflage des unter der
Redaktion von Marian Biskup 1987 erschienenen Buches Dzieje Che³mna. Zarys
monograficzny (Die Geschichte Kulms. Ein monographischer Abriss) und
hieraus insbesondere das von Jan Sziling verfasste Kapitel Che³mno w latach
okupacji hitlerowskiej 1939-1945 (Kulm in den Jahren der Hitlerokkupation
1939-1945). Da dieser Quelle die meisten Informationen entnommen wurden,
wird sie im folgenden Text nicht gesondert durch Fußnoten belegt. Ortschaften
werden im Text aus stilistischen Erwägungen mit der deutschen Bezeichnung
benannt, wobei bei der erstmaligen Nennung die polnische Bezeichnung jeweils in
Klammern hinzugefügt wird. Es
ist zweifellos nicht unproblematisch, ohne eine ausführliche Darstellung der
Zeit vor 1939, der nationalsozialistischen Raum- und Bevölkerungsplanung für
die polnischen Gebiete sowie des Systems des Nationalsozialismus im Allgemeinen
die deutsche Besatzungspolitik in Kulm zu beschreiben. Die mir für die
Bearbeitung dieses Aufsatzes zur Verfügung stehende Zeit erlaubt es aber leider
nicht, auf diese Einschränkungen verzichten zu können. Es muss insoweit auf die
Literaturauswahl im Anhang verwiesen werden. Dennoch
hoffe ich, dass dieser Aufsatz seine (kritische) Leserschaft finden wird und
vielleicht dazu anregt, das vielfältige Programm der Begegnungen im Rahmen der
Städtepartnerschaft auch um Projekte zu bereichern, die sich mit der
deutsch-polnischen Geschichte beschäftigen. Für Kritik und Anregungen sowie für
Literaturhinweise wäre ich mit Hinblick auf eine geplante Überarbeitung und
Ergänzung dieses Aufsatzes sehr dankbar. Dransfeld / Che³mno, im April 1997 Andreas
Prause II. Nationalsozialistische Okkupation Kulms von 1939 bis 1945 Am 1.
September 1939 begann die Aggression Deutschlands gegen Polen, das sich bereits
nach wenigen Wochen der militärischen Übermacht beugen musste[1],
so dass am 19. September die Besetzung des Landes im Wesentlichen abgeschlossen
war[2].
Bereits in der Nacht vom 3. auf den 4. September setzten Einheiten der
Wehrmacht südwestlich von Kulm über die Weichsel und nahmen das Kreisgebiet und
die Stadt Kulm ein[3]. Bis
zum 25. Januar 1945, also mehr als fünf Jahre lang, war die Bevölkerung Kulms
den nationalsozialistischen Machthabern ausgeliefert und hatte unter dem Terror
der deutschen Besatzer zu leiden, die versuchten, durch Ausrottung von Teilen
der Bevölkerung, durch Umsiedlungen und andere, gegen alles Polnische
gerichtete, Maßnahmen ihren politischen Zielsetzungen gerecht zu werden,
nämlich diesen Teil Polens “zu einem rein deutschen Gebiet mit einer
bodenständigen, deutschbewussten und kampfesfrohen Bevölkerung zu machen“[4].
A.
Kreis Kulm
Infolge
der Bestimmungen des Versailler Vertrages gehörte der Kreis Kulm seit dem 22.
Januar 1920 zum wieder erstandenen polnischen Staat und lag verwaltungsmäßig in
der Woiwodschaft Pommerellen (Województwo Pomorze). Der Kreis[5]
Kulm besteht bei einer Fläche von 72659 ha aus der Stadt Kulm, 85 Dorfgemeinden
und 60 Gutsbezirken[6]. Noch
während der preußischen Herrschaft lag der Bevölkerungsanteil der Deutschen im
Kreis Kulm nach einer Sprachenzählung im Jahr 1910 bei einer Gesamtbevölkerungszahl
von 50069 bei 46,63%[7].
Viele Deutsche wanderten in den zwanziger Jahren “ins Reich“ aus, zwischen 1920
bis 1931 insgesamt 5630 Personen, darunter 1332 Arbeiter, 43 Kaufleute sowie 71
Beamte, Lehrer und Angehöriger freier Berufe. So beträgt der Anteil der
Deutschen an der Gesamtbevölkerung von 52765 Personen Ende 1931, wiederum
gemessen an der Muttersprache, nur noch 15,1%. Ein im Verhältnis zum
Bevölkerungsanteil großer Teil des Grundeigentums sowie relativ viele Handels-
und Industriebetriebe sowie die meisten genossenschaftlichen Unternehmen
gehörten Deutschen, was auf einen gewissen Wohlstand der deutschen Minderheit
schließen lässt. Diese gründete eigene Organisationen[8]
und verfügte, weil die meisten Deutschen Protestanten waren, über eigene
evangelische Kirchengemeinden[9].
Die deutsche Minderheit beteiligte sich an den Wahlen zum Sejm und Senat[10]
und auch an den Kommunalwahlen. Mit dem Wegzug von Deutschen verringerte sich
entsprechend der Stimmenanteil, der auf deutsche Kandidaten entfiel, so dass
1929 von 34 Mitgliedern des Kulmer Stadtrates nur noch zwei Ratsherren der
deutschen Minderheit angehörten. Trotz der Spannungen auf staatspolitischer
Ebene und der propagandistischen Einflussnahme der Nationalsozialisten auf die
deutsche Minderheit sollen sich die privaten und nachbarschaftlichen
Verhältnisse nach Meinung der Historikerin Barbara Bojarska zwischen Deutschen
und Polen bis zum Kriegsbeginn nicht verschlechtert haben[11].
Diese Auffassung wird nicht von allen damals dort lebenden Deutschen geteilt,
die sich von der Politik der polnischen Regierung in vielerlei Hinsicht
diskriminiert fühlten[12].
Einen Hinweis darauf, dass das Zusammenleben zwischen polnischer und deutscher
Bevölkerung nicht völlig spannungsfrei gewesen sein kann, liefert der Titel
eines am 23. Januar 1932 vor den Mitgliedern des Literaturvereines TCL
(Towarzystwo Czytelni Ludowych) in Kulm gehaltenen Vortrages. Der Referent
sprach nämlich zu dem Thema “Jak mamy siê przeciwstawiæ atakom niemieckim na
nasze Pomorze“ (“Wir wir uns den deutschen Attacken auf unser Pommerellen
entgegenzustellen haben“). Der Historiker Mieczys³aw Wojciechowski[13]
beurteilt das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen denn auch kritischer als
Bojarska. Er ist der Meinung, dass sich die deutschen Kulmer in der
Zwischenkriegszeit durch die Gründung eigener Organisationen, in denen sie die
Bewahrung des “Deutschtums“ verfolgten, wobei die evangelische Kirchengemeinde
eine wichtige Rolle spielte, von den polnischen Einwohnern isoliert hätten. Ab
1933 hätten sich dann alle deutschen Organisationen der nationalsozialistischen
Ideologie untergeordnet und ihre Mitglieder Kontakt mit konspirativen
Vereinigungen unterhalten. Wojciechowski meint sogar, dass “nach 1933 unter der
deutschen Bevölkerung, die in Kulm wohnte, ein Prozess der schnellen Annahme
faschistischer Ansichten“[14]
stattfand. In dieser Verallgemeinerung dürfte diese These nicht haltbar sein.
So soll es nach Angaben des ab 1935 in Kulm wirkenden ev. Pastors innerhalb der
deutschen Minderheit politische Differenzen in der Frage des
Nationalsozialismus gegeben haben[15].
Allerdings sind Aktivitäten nationalsozialistisch beeinflusster Organisationen
offenkundig. So die Tätigkeit der 1934 in Kulm auf Initiative des
Gärtnereibesitzers Hans Gaude entstandenen Gruppe der Jungdeutschen Partei,
unter deren Mitgliedern sich die späteren Führer des örtlichen Selbstschutzes[16]
befanden, aber auch der Vorsitzende der Deutsche Vereinigung Blenkle soll 1939
dem Selbstschutz beigetreten und hier als Mitglied des sog. Rates des
Selbstschutzes an den Entscheidungen über Erschießungen beteiligt gewesen sein[17].
1937 gab es eine Ortsgruppe der NSDAP mit 39 Mitgliedern, die die “Aufsicht“
über die anderen Organisationen geführt haben soll. Eine
eingehende Untersuchung des Verhältnisses zwischen Deutschen und Polen in der
Zwischenkriegszeit ist wegen der soeben aufgezeigten Widersprüche notwendig,
muss aber an anderer Stelle erfolgen[18].
Die
Zahl der Bürger jüdischen Glaubens in der Stadt Kulm nimmt von 238 Personen im
Jahre 1910 über 49 im Jahr 1921 auf etwa 25 im Jahr 1936 ab. Jüdische Bürger
sollen im öffentlichen Leben keine bedeutende Rolle gespielt haben. Über die
jüdische Gemeinde in Kulm ist wenig bekannt. Dr. Guttmann hat ihr bis 1926 als
Rabbiner vorgestanden, Mitglieder des Gemeinderates waren 1922 Herman Ascher,
Bukofzer, Wilhelm Jakob, Arnold Loewenberg und Otto Weil. B. Kriegsbeginn und deutsche Minderheit
Nicht
nur die Minderheitenpolitik und das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen in
der Zwischenkriegszeit, sondern auch der Charakter der Ereignisse im
Zusammenhang mit dem vorherzusehenden Kriegsausbruch sowie die Behandlung der
Deutschen unmittelbar nach Kriegsbeginn werden von Teilen der deutschen
Historikern anders bewertet als von ihren polnischen Kollegen. Es geht hierbei
insbesondere um die Übergriffe auf Teile der deutschen Minderheit in den ersten
Kriegstagen, um “polnische Ausschreitungen gegen die Volksdeutschen in einer
Atmosphäre von Angst und Hass"[19],
bei denen 5437 Deutsche ums Leben kamen. Die nationalsozialistische Propaganda,
diese Zahl auf 58000 erhöhend, erreichte, “dass der deutsche Überfall und die
zahlreichen Vergeltungsaktionen gerechtfertigt werden konnten und die Forderung
nach einer “schonungslosen Bestrafung“ des polnischen Volkes breiten Widerhall
fand“[20].
Daher soll hier auf die Lage vor und nach dem 1. September 1939 aus Sicht der
deutschen Minderheit - möglichst mit Bezug auf den Kreis Kulm - eingegangen
werden. Auch wenn dieses nicht zum eigentlichen Thema des Aufsatzes gehört,
gebietet es der enge zeitliche Zusammenhang sowie die Tatsache, dass von
deutschen Autoren auch nach 1945 die Übergriffe auf die deutsche Minderheit
besonders herausgestellt wurden, diese in der polnischen Geschichtsschreibung
eher zurückhaltend behandelte Problematik zu berücksichtigen[21]: Da
befürchtet wurde, die deutsche Minderheit könne im Kriegsfall als “5. Kolonne“
hinter der Front eine “Diversion“ durchführen, d. h. durch militärische
Aktionen die Verteidigungsfähigkeit des Staates gefährden, wurden von den
polnischen Behörden verschiedene Maßnahmen ergriffen. Versammlungen von
Deutschen unterlagen einer Meldepflicht, die meisten Organisationen der
Volksdeutschen stellten ihre Tätigkeit ein[22].
Des Weiteren wurden im Mai 1939 alle Waffen, die sich im Besitz von Deutschen befanden,
eingezogen[23]. Zwar waren
eine Reihe Volksdeutscher als Agenten des deutschen Geheimdienstes tätig[24],
abgesehen von einer Aktion bei der Sprengung einer Weichselbrücke kam es aber
nicht zu Sabotageakten von Angehörigen der deutschen Minderheit[25].
Als staatsfeindlich geltende Deutsche, führende Persönlichkeiten der deutschen
Organisationen, der Presse, der Wirtschaft, Geistliche, Gutsbesitzer,
Reichsdeutsche sowie andere als unzuverlässig eingestufte Personen der
deutschen Minderheit wurden in Listen erfasst, auf deren Grundlage ab dem 1.
September 1939 allein in 473 Ortschaften Pommerellens Verhaftungen durchgeführt
worden sind. Wegen des schnellen Vorrückens der Wehrmachtsverbände wurden die
Verhafteten in Gruppen zusammengefasst und in der Regel unter der Bewachung von
Polizei, Hilfspolizei, Militär oder paramilitärischen Verbänden auf sog.
Verschleppungsmärschen ins Landesinnere Richtung Warschau (Warszawa) geführt.
Während oder infolge dieser Märsche sollen etwa 2200 Deutsche ungekommen sein.
Aus den Zeugenaussagen verschleppter Deutscher schließt Hugo Rasmus[26],
dass “ein einheitlich unmenschliches Verhalten der Begleitmannschaften bei
allen Verschleppungszügen“ zu erkennen gewesen sei[27]
[28]. Im
Kreis Kulm erfolgten Verhaftungen am 1. September in planmäßiger Form, danach
nur noch durch Militärstreifen in willkürlicher Weise durchgeführt. Bewohner
aus Kulm wurden nach Thorn (Toruñ) verbracht und dort mit Gefangenen aus
anderen Kreisen weiter ins Landesinnere geleitet[29].
Von einem “Verschleppungszug“, der in Richtung Warschau geführt wurde, wird
berichtet, dass in Thorn die gefangenen Deutschen von der Bevölkerung
beschimpft und geschlagen wurden. Insgesamt 560 Personen brachen am 4.
September abends in Thorn auf und wurden während des Fußmarsches von ihren
Bewachern misshandelt und schikaniert. Unterwegs kam es am 5. September zu
Erschießungen. Zunächst wurde eine Gruppe von 20 Personen erschossen, später
etwa 50 Gefangene. Durch weitere Tötungen und wegen Erschöpfung starben 188
Menschen, bis der Marsch am 15. September Warschau erreichte, wo die
Verschleppten inhaftiert wurden[30].
Ein
Zeuge aus dem Kulmer Nachbarkreis Schwetz (Œwiecie) berichtete, dass eine
Gruppe von 38 Deutschen, der er angehörte, auf ihrem Weg durch die Stadt Kulm
von der Bevölkerung beschimpft, mit Knüppeln geschlagen und mit Steinen
beworfen wurde[31]. Aus dem
Kreis Kulm sind 42 deutsche Einwohner in Folge von Verschleppungen ums Leben
gekommen oder verschollen geblieben[32]. C. Okkupationsverwaltung in Kulm
1.
Grundzüge der
NS-Verwaltungspolitik im besetzten Polen
Polen
wurde von der nationalsozialistischen Führung nicht als besetzter Staat
angesehen, sondern war spätestens mit der militärischen Niederlage in ihren
Augen “untergegangen“, also nicht mehr existent. Mit einem Erlass Hitlers vom
8. Oktober 1939 wurden die westlichen Gebiete Polens völkerrechtswidrig zu
“eingegliederten Ostgebieten“ erklärt, d. h. sie sollten fortan Teile des
Deutschen Reiches sein[33].
Ziel war es, diese Gebiete “einzudeutschen“, und zwar durch die Vernichtung
oder Vertreibung der politisch führenden und besitzenden Schichten der
polnischen Bevölkerung, die durch deutsche Siedler ersetzt werden sollten. Die
verbleibende Bevölkerung sollte, solange ihre Arbeitskraft noch von Nutzen war,
scharf getrennt von den Deutschen, als “Arbeitssklaven“ den “Herrenmenschen“
unterworfen sein. Nach dieser Übergangsphase sollte die polnische Bevölkerung
“restlos beseitigt“ werden[34].
2.
Zivilverwaltung
a) Reichsgau Danzig-Westpreußen Militärverwaltung bis 25. Oktober 1939 Mit
der militärischen Besetzung Polens wurden die eingenommenen Gebiete bis zum 25.
Oktober 1939 zunächst unter Militärverwaltung gestellt und unter dem Kommando
des sog. Oberbefehlshabers Ost in Militärbezirke eingeteilt. Kulm lag im
Militärbezirk Danzig-Westpreußen, für den zunächst vor dessen eigentlicher
Einrichtung die Generäle von Küchler und von Kluge als Befehlshaber der dort
wirkenden 3. bzw. 4. Armee zuständig waren. Mit Wirkung zum 14. September 1939
wurde General Fritz Walter Heitz “Militärbefehlshaber Danzig-Westpreußen“.
Seinen Dienstsitz hatte er in Danzig (Gdañsk)[35].
In jeder Armee war die Funktion eines “Chefs der Zivilverwaltung“ vorgesehen,
der die eigentliche Leitung der Zivilverwaltung übernahm. Chef der
Zivilverwaltung in der 3. Armee wurde SS-Oberführer Heinz Jost, der nach der
Besetzung Polens von Marienwerder (Kwidzyn) aus tätig war. In der 4. Armee übernahm diese Funktion
SS-Oberführer Fritz Hermann mit Sitz in Konitz (Chojnice)[36].
Nach Kompetenzstreitigkeiten wurde der damalige Gauleiter von Danzig, Albert
Forster, letztendlich Chef der Zivilverwaltung im am 14. September
konstituierten Militärbezirk Danzig-Westpreußen. Nicht nur im eigenen
Machtbereich, sondern auch mit dem Chef der Zivilverwaltung des Militärbezirks
Posen, Arthur Greiser, kam es zu Konflikten hinsichtlich der Zuordnung von an
die Region Posen grenzenden Gebieten zum Militärbezirk Danzig-Westpreußen[37].
Zivilverwaltung ab dem 26. Oktober 1939 Mit
Wirkung zum 26. Oktober 1939 wurde die Militärverwaltung auf der Grundlage
eines Dekrets Hitlers vom 8. Oktober durch eine Zivilverwaltung ersetzt. Dieses
belegt, dass die Besetzung Polens nicht nur eine vorübergehende sein sollte,
sondern dass die Gebiete des polnischen Staates für immer innerhalb des
Deutschen Reiches liegen sollten[38].
In der von den Besatzern geschaffenen Verwaltungsgliederung gehörte Kulm zum
“Reichsgau Danzig-Westpreußen“, der sich weiter in die Regierungsbezirke
Bromberg (Bydgoszcz), zu dem Kulm gehörte, Danzig und Marienwerder gliederte.
Die darunter liegende Verwaltungsebene besteht aus Landkreisen und Stadtkreisen[39].
Im Regierungsbezirk Bromberg gab es die Stadtkreise Bromberg und Thorn sowie
für die ländlichen Gebiete sieben Landkreise, darunter auch den Landkreis Kulm.
Ein Kreis gliederte sich weiter in Amtsbezirke und diese wiederum in Gemeinden[40].
Die höchste Verwaltungsposition im Reichsgau nahm der Reichsstatthalter ein. In
Danzig-Westpreußen wurde dies am 31. Oktober 1939 Albert Forster[41],
der zugleich Gauleiter, also Führer der NSDAP in diesem Gebiet, wurde[42].
Die eigentliche Leitung der Verwaltungstätigkeit oblag dem “Allgemeinen
Vertreter des Reichsstatthalters in der staatlichen Verwaltung“ Wilhelm Huth,
der die in sieben Abteilung gegliederte Zentralverwaltung mit Sitz in Danzig
führte[43].
Den Regierungsbezirken stand an der Spitze ein Regierungspräsident vor, dessen
Behörde sich in die Abteilungen “Allgemeine und innere Angelegenheiten“,
“Erziehung und Volksbildung“, “Wirtschaft“ und “Landwirtschaft und Domänen“
unterteilte. Regierungspräsident im Regierungsbezirk Bromberg war zunächst
SS-Oberführer Dr. Günther Palten; Nachfolger Paltens als Regierungspräsident
werden Dr. J. Schimmel und Walter Kühn[44].
Der Verwaltungsleiter des Landkreises trug den Titel Landrat, der des
Stadtkreises die Bezeichnung Oberbürgermeister. Sie unterstanden direkt dem
Regierungspräsidenten. Dass bei der Besetzung der leitenden Positionen in den
Okkupationsbehörden auf die “politische Zuverlässigkeit“ der Kandidaten Wert
gelegt wurde, zeigt der Umstand, dass bis zur zweiten Hälfte des Jahres 1941
alle Landräte im Reichsgau Danzig-Westpreußen zugleich auch Kreisleiter der
NSDAP waren[45]. (b) Verwaltung in Kulm Landkreis Kulm Landrat
des Kreises Kulm war während der gesamten Okkupationszeit der vor dem Krieg in
Danzig als Parteifunktionär tätige Max Lange. Sein Stellvertreter war Lotar
Pfahl, weitere engere Mitarbeiter ein gewisser Brause sowie
Regierungsoberinspektor Räder. Der Landrat führte die Anordnungen des
Regierungspräsidenten aus und leitete die Anfang 1940 errichtete
Kreisselbstverwaltung, die aus fünf Abteilungen bestand: Hauptverwaltung
(leitender Beamter Mertens), Kreiskasse (Kassner), Kreiswohlfahrts- und
Jugendamt (Kowalke), Kreisbauamt (Rieb), Kreisrechnungs- und
Gemeindeprüfungsamt (Kasischke). Der Landkreis Kulm bestand (ohne Stadtgebiet Kulm)
aus anfänglich 14 Amtsbezirken[46],
dessen Zahl 1944 auf zehn reduziert wurde[47].
Stadt Kulm Die
Stadtverwaltung leitete der sog. Amtskommisar. In Kulm wurde als solcher am 23.
September 1939 der am 26.06.1886 in Stettin geborene Karl Buchwald eingesetzt,
Mitglied der NSDAP seit dem 01.04.1933. Er übernahm die Amtsgeschäfte von einem
gewissen Obe, der unmittelbar nach der Besetzung Kulms durch die Wehrmacht als
“Beauftragter des Chefs der Zivilverwaltung für die Stadt Kulm“ zunächst die
Verwaltung führte. Ab dem 1. April 1942 trug Buchwald den Titel Bürgermeister.
Buchwald war Leiter der Stadtverwaltung und des kommunalen Wirtschaftsamtes.
Ihm als Bürgermeister unterstanden die Beigeordneten, die Gemeinderäte und die
Beiräte[48]
[49].
Ab dem 12. Oktober 1939 wurde die Stadtverwaltung in 13 Ämter gegliedert, wobei
diese Organisation bis 1945 im Wesentlichen beibehalten wird[50].
Sitz der Stadtverwaltung war das Rathaus am Marktplatz, der mittlerweile in
Adolf-Hitler-Platz umbenannt worden war, sowie das Gebäude in der damaligen
Danziger Straße 21 (heutige ul. Dworcowa). 1940 waren in der Stadtverwaltung
ungefähr 270 Personen beschäftigt, davon waren etwa 50 bis 80 mit “geistiger“
Arbeit befasst. Für Juli 1944 wird die Stärke dieser Beschäftigtengruppe, die
in erster Linie aus Deutschen aus dem Altreich[51]
bestand, mit 75 angegeben. Insgesamt gehörten Mitte 1944 der Stadtverwaltung
220 Personen an, die mit Ausnahme von 16 Beschäftigten alle mindestens der
Gruppe III der Deutschen Volksliste (DVL) zugeordnet waren[52]. 3.
NSDAP
NSDAP in Danzig-Westpreußen Der
Gauleiter von Danzig, Albert Forster, schuf bereits vor dem Krieg durch eine
“Überorganisation“ der Danziger NSDAP die Voraussetzungen dafür, dass er nach
der Besetzung Polens die wichtigsten Parteiposten in Danzig-Westpreußen mit
“seinen Leuten“ besetzen konnte[53].
Neben seiner Tätigkeit als Chef der Zivilverwaltung wurde Forster auch
Gauleiter[54] in diesem
Gebiet. Als solcher war er direkt Hitler gegenüber für die Parteiarbeit in
seinem Bereich verantwortlich. Seinerseits unterstanden ihm sämtliche
Gliederungen der NSDAP und der ihr angeschlossenen Verbände. Die Gauleitung der
NSDAP in Danzig bestand aus mehreren Abteilungen, ähnlich der Zentralverwaltung
der staatlichen Verwaltung. Die Vereinigung der Funktionen des Reichsstatthalters
und Gauleiters in einer Person verlieh Forster eine überaus große Machtfülle[55].
In
der zweiten Hälfte des Septembers 1939 begann der Aufbau der NSDAP-Strukturen
in Gebiet des späteren Gaus Danzig-Westpreußen, wobei zunächst die
Kreisverbände geschaffen wurden. Ihnen folgten die Verbände auf Stadt- und
Gemeindeebene. Bis Ende 1939 war diese Konstituierung der NSDAP im Wesentlichen
abgeschlossen. Die Organisationsstruktur der Partei orientierte sich an der
Verwaltungsgliederung des Gaues in Kreise, so dass bis auf wenige Ausnahmen ein
Landkreis bzw. Stadtkreis auch einen Kreisverband der NSDAP umfasste. Führer
war hier der Kreisleiter, der über einen eigenen Verwaltungsapparat, die sog.
Kreisleitung, verfügte. Die Kreise waren weiter in Ortsgruppen mit einem dem
Kreisleiter unterstehenden Ortsgruppenleiter unterteilt, diese wiederum in sog.
Zellen der NSDAP (Zellenleiter), die aus vier bis acht sog. Blöcken bestanden.
Ein Block wurde von einem Blockleiter der NSDAP geführt und setzte sich auch 40
bis 60 Haushaltungen zusammen. Sowohl auf Zellen- als auch Blockebene standen
den Leitern aus der NSDAP angeschlossenen Organisationen rekrutierte
Hilfspersonen (sog. Zellenwalter, Blockhelfer und Blockwalter) zur Verfügung.
Diesen Funktionären auf lokaler Ebene kam deshalb eine besondere Bedeutung zu,
weil ihre Tätigkeit und Weitergabe von Informationen erst die Überwachung und
Unterdrückung der Bevölkerung ermöglichte[56].
NSDAP in Kulm Neben
dem Aufbau der Zivilverwaltung wurden in Kulm bereits im September 1939 von aus
Danzig stammenden Nationalsozialisten unter der Leitung von Max Lange auch die
organisatorischen Strukturen für die Tätigkeit der NSDAP geschaffen. Bereits am
26. September 1939 ist die Organisierung der NSDAP abgeschlossen. Kulm wurde
Sitz der Kreisleitung. Bis September 1941 hatte Max Lange die Position des
Kreisleiters inne; ihm folgten bis Mitte 1943 Walter Ziegler, bis Februar 1944
Hans Lamperle sowie in den letzten Monaten der Besatzung ein gewisser Harder[57].
Die Kreisleitung Kulm bestand Anfang 1940 aus folgenden Ämtern mit dem jeweils
leitendem Funktionär: Kreisorganisationsleitung (Lotar Pfahl),
Kreisgeschäftsführung (Willy Kirschbaum), Kreispersonalamtsleitung (Hans
Mertens), Kreisschulungsleitung (Hugo Arendt), Kreispropagandaleitung (Hans
Mertens), Kreiskassenleitung (Karl Kittler). Weitere der Kreisleitung
zugeordneten Organe waren zu dieser Zeit die Deutsche Arbeitfront (Kreisobmann
Franz Kosslowski), die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (Kreisamtsleiter
Paul Dzaack), der Kreiswirtschaftsleiter Gustav Künzle, das Kreispresseamt
(Otto von Bergen), das Amt für Beamte (Willy Strietzel), Amt für
Kommunalpolitik (Karl Buchwald), Amt für Agrarpolitik (Gert Fiedler), Amt für
Technik (Otto Jentsch), Amt für Erziehung (Dr. Ernst Hempel), Amt für
Volksgesundheit (Dr. Friedrich Pohlmann), Amt für Kriegsopferversorgung (August
Preuss) und der Kreisrichter Paul Fischer[58].
Das
Kreisgebiet Kulm setzte sich aus 16 Ortsgruppen zusammen, und zwar aus der
Ortsgruppe im Stadtgebiet Kulm unter dem Ortsgruppenleiter Schütz (sein
Nachfolger wird Mitte 1940 Kasischke), der Ortsgruppe Podwiesk
(Ortsgruppenleiter Oskar Weigt - 1940), Unis³aw (Hoffmann - 1939-1940),
Brzozowo (Heilemann - 1940), B³êdowo (Stahnke - 1940), Kokocko, Lisewo, D¹browa
Che³miñska, Bruki, Szynych, Górne Wymiary, Ma³e Czyste, Czar¿e, Robakowo,
Papowo und Kijewo Szlacheckie, die sich weiter in 83 Zellen und 171 Blöcke
unterteilten. Die Ortsgruppe Stadt Kulm ist in 10 Zellen und 40 Blöcke
untergliedert[59]. Die
NSDAP-Mitglieder in Kulm stammten mehrheitlich aus dem Altreich und Danzig. Von
den einheimischen sog. Volksdeutschen konnte nur Parteimitglied werden, wer in
die Gruppe I der DVL aufgenommen wurde. 4. |