Paul Goesch (1885-1940)

Der Maler und Architekt Paul Goesch kam am 30.08.1885 in Schwerin als sechstes Kind von Carl und Dorothee Goesch zur Welt. Der Vater war dort Landgerichtsrat und erhielt später einen Lehrauftrag an der Berliner Universität, wo Goesch seine Jugendzeit verbrachte. Er strebte den Beruf des Architekten an und studierte von 1903 bis 1910 Architektur in Berlin, München und Karlsruhe. Während der Studienjahre unternahm er Reisen nach Frankreich, Italien, Süddeutschland und an die Ostsee.

Paul Goesch unterhielt engen Kontakt zu seinem Bruder Heinrich und dessen Frau, einer Kusine von Käthe Kollwitz. 1909 zog er zu ihnen nach Dresden. Heinrich Goesch war Professor an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe. Die Brüder interessierten sich für Philosophie und visionäre Architektur. Sie entwickelten ein „allgemein befindliches System der Ästhetik mit mathematischen Grundlagen“. Ferner publizierten sie Gedichte. Paul Goesch hinterließ in einer Turnhalle in Laubegast, die seinem Freund Eberhard Goellner als Atelier diente, Wandmalereien mit Szenen aus dem Leben Buddhas als erste Zeugnisse seines künstlerischen Wirkens.

Traumphantasie
undatiert, Deckfarben über Bleistift auf Papier,
16,5 x 20,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Im selben Jahr erkrankte Goesch und verbrachte jeweils sechs Monate in Sanatorien in Hedemünden und in Tiefenbrunn bei Göttingen. Er konnte dennoch sein Studium abschließen und bestand 1910 in Berlin das Examen zum Regierungsbauführer. 1914 wurde er zum Regierungsbaumeister befördert. Als Anhänger der anthroposophischen Bewegung war er im Februar und März desselben Jahres am Bau des nach Plänen von Rudolf Steiner errichteten Goetheaneum in Dornach bei Basel beteiligt. Er begann nun auch, Zeichnungen und Aquarelle zu fertigen.

Selbstporträt
undatiert, Deckfarben über Bleistift auf Papier, 16,5 x 20,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Von 1915 bis 1917 war Paul Goesch als Regierungsbaumeister in Culm an der Weichsel (heute Chełmno nad Wisłą) tätig. Hier erkrankte er schwer. Er litt an Schizophrenie und wurde in der Heilanstalt in der Nachbarstadt Schwetz (Świecie nad Wisłą) behandelt, wo er sich bis Herbst 1919 aufhielt und zahlreiche Bilder malte.

Nachdem er aus der Heilanstalt in Schwetz entlassen wurde, zog er zu seinem Vater nach Berlin und verkehrte dort in Künstlerkreisen. Er wurde unter anderem Mitglied der Novembergruppe und des Arbeitsrats für Kunst. Goesch erkrankte erneut und kam auf Dauer in die Heilanstalt Göttingen, die sein Schwager leitete. In dem Zimmer, das er bewohnte, sind Wandmalereien erhalten geblieben.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde sein Schwager als Anstaltsleiter abberufen und Paul Goesch 1934 in eine andere Anstalt im brandenburgischen Teupitz verlegt. Die Werke Paul Goeschs waren nach dem NS-Kunstverständnis „Entartete Kunst“ und für eine 1937 organisierte Ausstellung wurden drei seiner Bilder in der Mannheimer Kunsthalle beschlagnahmt. 1938 stürzte Goesch in Teupitz und musste 1939 wochenlang im Rudolf-Virchow-Krankenhaus Berlin chirurgisch behandelt werden.

Im Rahmen des von der nationalsozialistischen Ideologie entwickelten und verwirklichten sogenannten Euthanasie-Programms fiel Paul Goesch der groß angelegten, unter dem Decknamen Aktion T4 durchgeführten, systematischen Ermordung von über 100000 psychisch kranken und behinderten Menschen während der NS-Zeit zum Opfer. Am 22.08.1940 wurde Paul Goesch durch Vergasung im alten Zuchthaus Brandenburg ermordet. Eine Arbeitsgruppe der Universität Heidelberg hat vor einigen Jahren ermittelt, dass der in vielen Publikationen zu findende Todesort Hartheim bei Linz in Oberösterreich nicht zutreffend ist.

Wandgemälde (fantastisches Triumphtor)
undatiert, Bleistift und Wasserfarben auf Papier,
45,8 x 57,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Von Paul Goesch sind Hunderte von Werken erhalten geblieben, die sich im Besitz verschiedener Einrichtungen befinden. Bereits in den zwanziger Jahren nahm Goesch an verschiedenen Ausstellungen in Berlin teil. In der Nachkriegszeit wurden Werke des Künstlers unter anderem in Berlin, Mannheim, Heidelberg und Los Angeles gezeigt.

Die Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg verfügt über 19 Blätter und ein Skizzenbuch aus der Heilanstalt Schwetz.

Der obige Lebenslauf Paul Goeschs beruht auf Informationen, die Frau Sabine Mechler von der Sammlung Prinzhorn (im Jahr 2005) freundlicherweise zusammengestellt hat, sowie den Angaben über den Künstler auf der Website http://www.abcd-artbrut.org. Das Foto Paul Goeschs sowie die Reproduktionen seiner auf dieser Seite abgebildeten Werke wurden ebenfalls von der Sammlung Prinzhorn zur Verfügung gestellt.

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags im Jahr 2005]

Antoni Piotrowicz

Der Maler Antoni Piotrowicz wurde am 17. Januar 1869 in Culm an der Weichsel geboren. Durch den Besuch des Königlichen Katholischen Gymnasiums in seiner Heimatstadt sowie eine Lehre im Atelier seines Vaters Jan Piotrowicz, eines Malers und Vergolders, erwarb er sowohl eine allgemeine als auch grundlegende fachliche Ausbildung, die er durch dreijährige Studien in Deutschland und Italien vertiefte. Er galt als schillernde Persönlichkeit, engagierte sich in verschiedenen Organisationen und wurde 1895 Mitbegründer des Turnvereins „Falke“.

Antoni Piotrowicz - Wohnhaus und Atelier Ecke ul. Kosciuszki / ul. Mlynska mit GedenktafelUm die Jahrhundertwende erwarb Piotrowicz ein Haus an der Graudenzer Straße (heute ul. Grudziądzka 21), in dem er ein Atelier einrichtete. An einem Balkon des Gebäudes brachte er ein seinen Kopf darstellendes Relief und an einem anderen seine geschmiedeten Initialen an. Später zog der Künstler in die ul. Kościuszki um, wo er bis zu seinem Lebensende arbeitete (siehe Foto). In diesem Haus, dessen Fassade im Sommer 2004 grundlegend renoviert worden ist, wurde 1986 eine Gedenktafel (siehe Foto) angebracht. Antoni Piotrowicz verstarb am 22. Juli 1923 in Chełmno und wurde hier auf dem Friedhof im Familiengrab beigesetzt.

Gedenktafel für Antoni Piotrowicz am Wohnhaus und Atelier Ecke ul. Kosciuszki / ul. MlynskaMit seinen Portraits verewigte Piotrowicz viele Einwohner der Stadt. Diese Auftragsarbeiten sind bis heute in vielen Haushalten der Stadt erhalten geblieben. Er befasste sich aber auch mit religiösen und patriotischen Themen sowie der Landschafts- und Naturmalerei. Seine Werke befinden sich unter anderem im Museum des Culmer Landes in Chełmno, in Museen in Toruń/Thorn, Bydgoszcz/Bromberg sowie in Kirchen in Chełmno, Lubawa, Bysław, Śliwice, Tczew/Dirschau und Krotoszyn.

Quelle: Grzeszna-Kozikowska, Anna, Antoni Piotrowicz (1869 – 1923), in: Czas Chelmna 5.12.2003

Grab Antoni Piotrowicz in Culm
[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 30.11.2004]

Ernst Bischoff-Culm

Ernst Bischoff-Culm, Maler, geboren in Culm am 13.03.1870. Nach einem Studium an den Kunstakademien in Königsberg (heute Kaliningrad), Berlin und einem Aufenthalt in Paris lebte er in Berlin. Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts beteiligte er sich am Aufbau einer Künstlerkolonie (Mitglieder u.a. Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Ernst Mollenhauer, Lovis Corinth) in Nidden (heute Nida in Litauen) auf der Kurischen Nehrung. Nach schweren Kriegsverletzungen nahm sich Bischoff-Culm am 29.07.1917 in Frankreich das Leben.

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 08.12.2007]

Stelen in Neuer Promenade – Geschenke von Arnold Ruhemann und Wolfgang Geiger

In der Neuen Promenade (poln. Nowe Planty), der sich in der Nähe des Graudenzer Tores an der Wehrmauer erstreckenden Parkanlage, befinden sich auf der Fläche nördlich des Springbrunnens zwei kunstvoll gefertigte Stelen, die 1893 von zwei seinerzeit prominenten Einwohnern der Stadt Culm gestiftet worden sind. Von der Schenkung zeugen Inschriften in deutscher Sprache, die sich jeweils am Sockel jeder Stele befinden. Diese Dekorationselemente erkennt man bereits auf alten Postkarten der Neuen Promenade.

Stele in der Neuen Promenade in Culm / Chełmno - Inschrift Geschenk des A. Ruhemann

Die eine Stele trägt die noch gut erkennbare Inschrift Geschenk des A. Ruhemann. Gestiftet wurde sie vom Bankier Arnold Ruhemann, der in einer Familie jüdischer Herkunft am 20. November 1836 in Culm geboren wurde. Bereits sein Vater Wolff war als Kaufmann in Culm ansässig und betrieb einen Baustoff- und Saatguthandel.

Seit dem 13.09. 1847 besuchte Arnold Ruhemann das Königlich Katholische Gymnasium in seiner Heimatstadt. Sein Name ist aber nicht im Verzeichnis der Abiturienten dieser Schule aufgeführt. In der Ausgabe der in dieser Zeit dreimal wöchentlich erscheinenden Zeitung Nadwiślanin vom 13. April 1866 findet man eine Anzeige Arnold W. Ruhemanns. Er gibt seine Verlobung mit Fräulein Henryeta Lehmann aus Stargard bekannt. Der Bankier gehörte viele Jahre lang der Stadtverordnetenversammlung an und übte auch das Amt ihres Vorsitzenden aus. 28 Jahre lang war er Mitglied der St. Trinitatis-Schützengilde. Er verstarb am 25. Mai 1895 im Alter von 58 Jahren in Culm und wurde auf dem örtlichen jüdischen Friedhof beigesetzt, der später während der NS-Zeit vollständig zerstört worden ist.

Stele in der Neuen Promenade in Culm / Chełmno, gestiftet von Arnold Ruhemann

Die andere Stele ist ein Geschenk des Brauereidirektors Wolfgang Geiger. Davon zeugt die noch gut leserliche Inschrift Geschenk des W. Geiger. Er stammte aus dem Raum Landshut in Bayern und arbeitete dort für eine kleine Brauerei. Danach ging er anderthalb Jahre lang auf Wanderschaft und stieß schließlich in Culm auf seinen bayerischen Landsmann Aloys Höcherl sen., der seit 1859 als Braumeister für den Rittergutsbesitzer Ruperti in der Gutsbrauerei im wenigen Kilometer von Culm entfernten Grubno tätig war. 1874 machte Höcherl sich selbständig und kaufte mit seiner Frau eine stillgelegte kleine Brauerei in der Stadt Culm, die sich als Höcherlbrauerei über die Jahrzehnte zu einem bedeutenden Bierproduzenten entwickelte.

Stele in der Neuen Promenade in Culm / Chełmno - Inschrift Geschenk des W. Geiger

Aloys Höcherl sen. stellte Wolfgang Geiger als erste Hilfskraft in seiner eigenen Brauerei an der Bischofsstraße (ul. Biskupia) an. Bereits 1884 verstarb der Brauereibesitzer im Alter von nur 54 Jahren. Zu dieser Zeit hatte die Höcherlbrauerei bereits eine erhebliche regionale Bedeutung erlangt und war für ihre Biere mehrfach ausgezeichnet worden. Dank der 1883 fertig gestellten Schienenstrecke nach Kornatowo und den Anschluss der Stadt an die Weichselstädtebahn wurde die Voraussetzung für eine Ausweitung des Absatzgebiets der Brauerei geschaffen. Die Höcherlbrauerei konnte so ihre Biere beispielsweise auf Ausstellungen in Danzig (Gdańsk), Königsberg (Kaliningrad), Köln und Paris präsentieren.

Stele in der Neuen Promenade in Culm / Chełmno, gestiftet von Wolfgang Geiger

Nach dem Tode des Brauereigründers übernahm zunächst seine zehn Jahre jüngere Frau Anna die Geschäftsführung und verstand es, den Umsatz durch geschickte Werbung weiter zu steigern. Langfristig sollte ihr Sohn Aloys Höcherl jun. die Leitung des Betriebs übernehmen. Wenige Jahre nach dem Tod ihres Mannes heiratete Anna Höcherl ein zweites Mal, und zwar den mittlerweile zum Braumeister und technischen Leiter der Brauerei aufgestiegenen Wolfgang Geiger. Er verhalf gemeinsam mit seiner Gattin Anna Höcherl-Geiger, die weiterhin für die kaufmännische Leitung zuständig war, der Brauerei zu einem kräftigen Wachstum. Nachdem Aloys Höcherl jun. sich entschieden hatte, das elterliche Unternehmen nicht übernehmen zu wollen, wandelte die Familie die Brauerei 1896 in eine Aktiengesellschaft um. 1897 wurde der Betrieb für 3,4 Mio. Mark an das Dresdner Bankhaus Arnhold verkauft. Kaufmännischer Direktor wurde Gustav Sauter. Wolfgang Geiger wurde zum technischen Direktor ernannt. Aloys Höcherl jun. und Franz Höcherl, die Söhne des Firmengründers, die mittlerweile in Danzig-Oliva wohnten, wurden in den Aufsichtsrat berufen. Anna Höcherl-Geiger zog sich aus dem Geschäftsleben zurück. Sie verstarb 1902.

Todesanzeige Wolfgang Geiger

Über Wolfgang Geiger liegen mir für die weiteren Jahre leider keine näheren Informationen vor. Nach der Eingliederung Culms in den neu erstandenen polnischen Staat im Jahr 1920 wurde die Höcherlbrauerei als Aktiengesellschaft unter der Bezeichnung Browary Chełmińskie Tow. Akc. weitergeführt. Die beiden Söhne des Firmengründers, nämlich Franz und Aloys jun., gehörten zunächst weiterhin dem Aufsichtsrat an. Wolfgang Geiger hat wahrscheinlich die ganzen Jahre über in Culm gelebt. Am 24. Januar 1925 erschien in der polnischen Tageszeitung Słowo Pomorskie eine Todesanzeige mit folgendem Wortlaut:

Nach langem Leiden verstarb, mit den heiligen Sakramenten versehen, am 20. Januar 1920 der langjährige Direktor unserer Brauerei Wolfgang Geiger im Alter von 77 Jahren. Die Beerdigung findet in Chełmno (Culm) am Freitag, den 23. Januar 1925, um 2.30 Uhr nachmittags statt.
Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren!
Browary Chełmińskie Tow. Akc. Chełmno
Aufsichtsrat – Direktion – Mitarbeiter

Am 29. Januar 1925 würdigt dieselbe Tageszeitung in einer kurzen Meldung mit folgenden Worten den Verstorbenen:

Die Stadt verliert einen loyalen Bürger und die örtlichen Armen einen freigiebigen Wohltäter. Die Philanthropie der Familie Geiger ist im ganzen Culmer Land bekannt. Der aus Bayern stammende Wolfgang Geiger kam vor etwa 20 Jahren nach Culm, wo er sich niederließ und eine Polin heiratete. Das prächtige Begräbnis, mit dem er gewürdigt wurde, zeugt davon, dass er viele Freunde nicht nur unter seinen Landsleuten, sondern auch unter der örtlichen polnischen Bevölkerung hatte.

Betrachtet man diesen kurzen Artikel, scheint es möglich zu sein, dass Wolfgang Geiger nach dem Tode von Anna Höcherl-Geiger erneut geheiratet hatte.

Stelen in der Neuen Promenade in Culm / Chełmno
Anordnung der Stelen in der Neuen Promenade – Foto vom 31. Mai 2008


Quellen:

  • Anna Soborska-Zielińska, Z dziejów gminy żydowskiej w Chelmnie (From the history of Jewish community in Chełmno), Chełmno 2007, S. 21 f, 114
  • Joseph Funcke, Die Höcherlbrauerei in Culm a. d. Weichsel, in: Westpreußen-Jahrbuch, Band 33, Münster 1983, S. 147-155

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 09.06.2008]