Aktion T4 – Ermordung von Patienten der Psychiatrischen Anstalt Schwetz (Świecie)

Ein tragisches Schicksal nahmen im Herbst 1939 nach der Besetzung Polens durch das nationalsozialistische Deutschland die damaligen Patienten der 1855 gegründeten und bis heute bestehenden Psychiatrischen Anstalt in Schwetz (Świecie), die im Rahmen der sogenannten Aktion T4 ermordet worden sind. Es wird geschätzt, dass in den besetzten Gebieten Polens nach Kriegsbeginn innerhalb weniger Monate 10000 bis 15000 psychisch kranke Menschen systematisch getötet wurden[1]. Vom 10. bis zum 17. September 1939 wurden von den 1200 Patienten der Psychiatrischen Anstalt in Schwetz rund 1000 in Wäldern im Kreisgebiet erschossen. Bewohner umliegender Dörfer wurden gezwungen, vor Ort Massengräber auszuheben. Bekannt ist, dass die Morde von einer 30 Mann starken Einheit des volksdeutschen Selbstschutzes unter dem Kommando des Schwetzer Brauereibesitzers Rost begangen worden sind. Auch SS-Männer des Wachsturmbanns Kurt Eimann waren an dem Massenmord beteiligt. Unter den Opfern aus der Schwetzer Anstalt befanden sich 120 Kinder.[2]
Das Oberste Nationaltribunal Polens, vor dem sich der Gauleiter von Danzig-Westpreußen Albert Forster nach dem Krieg wegen seiner Verbrechen verantworten musste, befasste sich unter anderem mit der Umsetzung des sogenannten Euthanasieprogramms im westpreußischen Raum. In diesem Zusammenhang wurde Aleksander Zielonka, der während der fraglichen Zeit Pfleger in der Psychiatrischen Anstalt Schwetz war, als Zeuge vernommen. Er sagte über die “Liquidation” dieses Krankenhauses Folgendes aus:

Vorsitzende des Tribunals: Wie verlief diese Liquidation?
Zeuge Aleksander Zielonka: In die Anstalt für psychisch Kranke kam damals ein gewisser deutscher Arzt, aus Hamburg, wie man sagte, um die Liquidation der Anstalt durchzuführen. Seinen Namen kannte ich nicht. Sein Nachfolger war Dr. Neber. Tag für Tag kamen Lastkraftwagen zur Anstalt gefahren. Auf einen wurden jeweils sechzig Kranke geladen. Es kamen mindestens zwei Fahrzeuge. Sie wurden irgendwo in die Gegend von Jeżewo gebracht und dort am Wald erschossen. Von einem SS-Mann, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, habe ich erfahren, dass sie deshalb erschossen wurden, weil sie eine Last für das Deutsche Reich waren. Die Liquidation dauerte etwa fünf, sechs Tage. Die übrigen Kranken, es waren 350 bis 370, wurden nach Kocborowo transportiert, wo sie auch erschossen wurden. Aus dem Munde eines Deutschen, der ein gutes Verhältnis mit den Polen unterhielt und für ein Gläschen Wodka viel erzählte, habe ich vom Verlauf der Exekution erfahren, bei der dieser Deutsche anwesend war. Er erzählte, dass aus dem Fahrzeug jeweils drei Kranke geführt wurden und im Bereich des Hinterkopfs erschossen wurden.
Danach wurde mit der Liquidation des Kinderpavillons begonnen. Die Kinder haben sich gefreut, dass sie mit einem Auto fahren, derweil wurden sie erschossen. Die Kinder wurden auf folgende Weise ermordet. Erst wurden sie alle auf eine Wiese gelassen und anschließend wurde auf sie geschossen wie beim Scheibenschießen.

Vorsitzende: Waren es viele Kinder?
Zeuge: Mehr als hundert.

Vorsitzende: Und alle wurden mit einem Transport weggebracht?
Zeuge: Ja, mit zwei Fahrzeugen.

Vorsitzende: Fand die Exekution an demselben Ort statt?
Zeuge: Ja, in Jeżewo.

Vorsitzende: In welchem Alter waren diese Kinder?
Zeuge: Im Alter von viereinhalb bis fünf Jahren.

Vorsitzende: Diese Kinder wurden also weggebracht und später wurde eine Jagd auf sie veranstaltet. Von wem haben Sie das erfahren?
Zeuge: Vom SA-Mann Treptow, der an dieser Exekution teilgenommen hat.

Vorsitzende: Hat Ihnen einer der SA-Männer erzählt beziehungsweise wissen Sie, auf wessen Anordnung die Vernichtung der geistig Kranken erfolgt ist?
Zeuge: Man sagte mir, dass man eine solche Anordnung aus Danzig (Gdańsk) erhalten habe.

Vorsitzende: Sind die polnischen Ärzte im Krankenhaus verblieben?
Zeuge: Sie blieben noch einen Monat lang, später kamen sie unter Hausarrest. Der Direktor der Anstalt wurde in unbekannte Richtung verschleppt. Man sagte, dass er getötet worden sei. Anderen Ärzten ist es gelungen zu flüchten.[3]

Quellen:
[1] Schenk, Dieter: Albert Forster gdański namiestnik Hitlera, Gdańsk 2002, S. 262
[2] Gut, Agata: Eutanazja – ukryte ludobójstwo pacjentów szpitali psychiatrycznych w Kraju Warty i na Pomorzu w latach 1939-1945, Website des Instituts des Nationalen Gedenkens www.ipn.gov.pl (03.04.2008)
[3] Podgóreczny, Marian: Albert Forster – gauleiter i oskarżony, Gdańsk 1977, S. 306 f

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 03.04.2008]

NS-Verbrechen am 8. Oktober 1939 in Schwetz (Świecie)

Am Culm gegenüberliegenden, westlichen Weichselufer erstreckt sich die Kreisstadt Schwetz (poln. Świecie), die 1938 von 8513 Menschen bewohnt wurde. Der Anteil der deutschstämmigen Bevölkerung in der Stadt betrug im Jahr 1934 6,5%. Im gesamten Kreisgebiet lebten fünf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 70620 Personen polnischer Nationalität, 13691 waren deutscher Herkunft und 211 jüdischen Glaubens[1]. In den Vorkriegsjahren entwickelte sich im Kreis Schwetz eine Ortsgruppe der NSDAP, die im Juli 1937 51 Mitglieder zählte. An Parteiveranstaltungen nahmen im Frühjahr 1938 über 100 Personen teil[2].

Ähnlich wie in Culm vollzog sich auch in Schwetz nach der Einnahme des Kreisgebiets durch die Wehrmacht Anfang September 1939 rasch der Aufbau des nationalsozialistischen Machtapparats. Von den Besatzern durchgeführte Verhaftungen und Erschießungen von Teilen der einheimischen, polnischen und jüdischen, Bevölkerung sind als prägende Vorgänge während der ersten Monaten der Besatzung nach dem Krieg eingehend untersucht worden. Besonders bemerkenswert ist ein schriftlicher Zeugenbericht über einen Massenmord auf dem jüdischen Friedhof von Schwetz am 8. Oktober 1939. Bemerkenswert deshalb, weil er vom Kompanieführer der 3. Kompanie der Krankentransport-Abteilung 581 der deutschen Wehrmacht stammt, die in dieser Zeit in Schwetz stationiert war, und an Hitler gerichtet ist. Das Dokument hat folgenden Inhalt:

An den obersten Befehlshaber der Wehrmacht und Führer des Deutschen Volkes Adolf Hitler. Auf dem militärischen Dienstwege! Ich melde: Am Sonntag, den 8. Oktober 1939 gegen 13 Uhr berichteten mir der Unteroffizier Kleegraf, Gefreiter Kluge sowie der Gefreite Roschinski im Beisein aller Kompanieoffiziere (Stabsarzt Dr. Frenz, Stabsarzt Dr. Witte, Stabsarzt Dr. Bertram, Assistenzarzt Dr. Jürgens, Assistenzarzt Dr. Laarmann, Unterarzt Strausberg) was folgt: Sie seien am Sonntag, den 8 Okt. gegen 9.30 Uhr etwa 150 Wehrmachtskameraden auf dem Judenfriedhof in Schwetz Augenzeugen der standrechtlichen Erschiessung von etwa 20-30 Polen gewesen. Die Exekution sei ausgeführt worden von einer Abteilung, bestehend aus einem Angehörigen der Schutzstaffel, zwei Männern in alter blauer Schupouniform und einem Mann in Zivilkleidern. Die Aufsicht habe ein Sturmbannführer der Schutzstaffel geführt. Es seien bei der Exekution auch 5-6 Kinder im Alter von etwa 2-8 Jahren erschossen worden. Die Obengenannten sind bereit, ihre Aussagen zu beeiden, gez. Dr. Möller, Oberstabsarzt der Reserve und Kompanieführer[3]

Einen genauen Eindruck von diesem Massenmord vermittelt die Schilderung des in der Meldung genannten Gefreiten Kluge:

Am Samstag den 7.10.1939 hörte ich bei einem Rundgang durch die Stadt bei Gesprächen unter Kameraden, daß am Vormittag auf dem Judenfriedhof in Schw. eine größere Zahl Polen erschossen worden seien; und daß am Sonntagmorgen nochmals eine Erschießung stattfinden sollte. Das Gespräch über die bevorstehende Erschießung war unter den in Schw. untergebrachten Soldaten allgemein. Infolgedessen begab ich mich am Sonntagmorgen mit dem größten Teil meiner Kameraden zum Judenfriedhof, wo wir bis 9 Uhr erstmals vergebens warteten. Wir wollten uns schon wieder in unsere Quartiere begeben, als ein größerer Autobus, beladen mit Frauen und Kindern, zum Friedhof hineinfuhr. Wir gingen nun wieder zum Friedhof zurück. Wir sahen dann, wie eine Gruppe von einer Frau und drei Kindern, die Kinder im Alter von etwa drei bis acht Jahren, von dem Omnibus zu einem ausgeschaufelten Grab von 8 m Breite und 8 m Länge hingeführt wurden. Die Frau mußte in dieses Grab hinabsteigen und nahm dabei ihr jüngstes Kind auf dem Arm mit. Die beiden anderen Kinder wurden ihr von zwei Männern des Ex. Kdos. gereicht. Die Frau mußte sich bäuchlings, d.h. mit dem Gesicht zur Erde, flach ins Grab legen, ihre drei Kinder zur Linken in derselben Weise angereiht. – Danach stiegen vier Mann ebenfalls in das Grab, legten ihre Gewehre so an, daß die Mündungen etwa 30 cm vom Genick entfernt waren, und erschossen auf diese Weise die Frau mit ihren drei Kindern. Ich wurde dann aufgefordert v. d. aufs. führenden St. Bannf., mit zuschaufeln zu helfen. Ich kam diesem Befehl nach und konnte daher aus nächster Nähe jedes Mal sehen, wie die nächsten Gruppen Frauen und Kinder in derselben Weise erschossen wurden. Im ganzen 9-10 Frauen und Kinder, jedesmal zu vieren in demselben Massengrab. Der Erschießung sahen in einer Entfernung von ca. 30 m etwa 200 Soldaten der Wehrmacht zu. Etwas später kam ein zweiter Omnibus mit Männern auf den Friedhof gefahren, darunter befand sich noch eine Frau. Diese Männer mußten in das Grab, in dem die frischen Leichen nur notdürftig mit Sand zugestreut lagen, steigen, sich bäuchlings der Länge nach hinlegen, wo sie dann von den vier Männern des Kds. durch Genickschuß erledigt wurden. Im ganzen wurden an diesem Morgen etwa 28 Frauen, 25 Männer und 10 Kinder im Alter von 3-8 Jahren erschossen.[4]

Die Exekutionen werden der SS unter Befehl der Sturmbannführer Meier und Tietzmann zugeschrieben[5]. Am 7. Oktober, den der Gefreite Kluge zu Beginn seiner Schilderung erwähnt, waren über 20 jüdische Personen, die zuvor im Gefängnis beim Gericht festgehalten worden waren, von SS- und SA-Angehörigen durch die Straßen der Altstadt zum jüdischen Friedhof getrieben worden, der sich an der ul. Polna befand. Nachdem die Gefangenen gezwungen worden waren, ihr eigenes, zweieinhalb Meter breites und zwei Meter tiefes, Grab mit einer Länge von 17 Metern auszuheben, mussten sich jeweils vier Personen in das Grab hineinlegen und wurden erschossen. An dieser Hinrichtung, die von Soldaten der Wehrmacht beobachtet wurde, nahm neben den Deutschen in SS- und SA-Uniformen auf Anordnung eines SS-Offiziers auch ein Wehrmachtsangehöriger teil. Der Soldat Fritz Brauner bestätigte am 9. Februar 1946 in seiner Aussage vor einem Gericht in Recklinghausen, dass er dabei vier Menschen tötete. Die übrigen Soldaten weigerten sich, an der Exekution teilzunehmen, teilweise sollen sie offen ihre Empörung geäußert haben[6].

Angesichts der Erschießung der Kinder war der verbrecherische Charakter der Tat mehr als offensichtlich. Das Propagandagetöse, mit dem in den besetzten Gebieten Polens kaltblütige Morde an der einheimischen Bevölkerung oftmals als gerechte Bestrafung für vermeintliche Gewaltakte gegenüber Deutschen dargestellt wurden, musste spätestens an diesem Tag bei den zuschauenden Wehrmachtssoldaten in Schwetz im Nichts verhallen. Zu mehr als einem Protestschreiben, nachdem man sich das sonntägliche Schauspiel unter aktiver Teilnahme eines Kameraden hatte bieten lassen, waren die Soldaten dieser Einheit jedoch nicht bereit.

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Quellen:
[1] Wojciechowski, Mieczysław: Świecie w latach 1939-1945 (Schwetz in den Jahren 1939-1945), in: Miasta Pomorza Nadwiślańskiego i Kujaw w okresie I wojny światowej oraz w międzywojennym dwudziestoleciu (1914-1939). Zbiór studiów. Wydawnictwo Uniwersytetu Mikołaja Kopernika, Toruń 2000, S. 148 f.
[2] Wojciechowski, Świecie w latach 1920-1939, S. 188 f.
[3] Dieses Dokument wird mit Erläuterungen wiedergegeben in Bojarksa, Barbara: Zbrodnie niemieckie na terenie powiatu Świecie nad Wisłą (Deutsche Verbrechen auf dem Gebiet des Kreises Schwetz an der Weichsel), in: Przegląd Zachodni, Band 21 (1965); S. 96-118, S. 109
[4] Die Aussage Kluges wird im Wortlaut dargestellt in Madajczyk, Czesław: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Pahl-Rugenstein Verlag; Köln 1988, S. 15 f; Die Meldung der 3. Kompanie des Armeekrankentransports 581 lag dem Oberkommando des Heeres am 11. Oktober 1939 vor.
[5] Madajczyk, S. 15
[6] Bojarksa, Zbrodnie niemieckie …, S. 108 f

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 26.11.2004]

Franciszek, Maksymilian und Leon Raszeja

Franciszek Raszeja wurde am 2. April 1896 in Culm (Chełmno) in dem direkt neben dem Postamt gelegenen Haus am Markt geboren (heute ul. Rynek 14). Seine Eltern waren Ignacy Raszeja und Julianna, geb. Cichoń[1]. Ignacy Raszeja war als Oberpostschaffner tätig[2].

Franciszek Raszeja besuchte in seiner Heimatstadt die Schule. Seit April 1906 ging er auf das Königlich Katholische Gymnasium, wo er im Frühjahr 1912 mit dem nicht viel älteren Kurt Schumacher Freundschaft schloss[3]. Man spielte zusammen Fußball und ging zum Schwimmen an die Weichsel. Die freundschaftliche Verbindung zwischen dem aus einer polnisch-katholischen Familie stammenden Raszeja und dem in einem deutsch-protestantischen Elternhaus aufgewachsenen Schumacher muss eng gewesen sein, denn Raszeja berichtete seinem Freund nicht nur von der Tätigkeit der geheimen polnischen Schülerverbindung, Gesellschaft der Philomaten (poln. Towarzystwo Filomatów) genannt, der er seit 1911 angehörte, sondern nahm ihn auch zu Treffen der Philomaten mit[4]. Diese Organisation hatte sich das Ziel gesetzt, die polnische Sprache und Kultur zu pflegen, und wurde von den preußischen Behörden regelrecht bekämpft. Seit 1899 war es auf dem Gelände des Culmer Gymnasiums verboten, die polnische Sprache zu benutzen, wobei die Schüler an dieses Verbot jedes Jahr ausdrücklich erinnert wurden. Auch durfte die polnische Schülerbibliothek nicht mehr benutzt werden. Im September 1901 kam es in Thorn (Toruń) zum sog. Geheimbundprozess, in dem sich 60 junge Polen, davon 37 Schüler und Absolventen des Culmer Gymnasiums, wegen der Zugehörigkeit zu dieser „preußenfeindlichen Verbindung“ verantworten mussten[5]. Der als Zeuge vernommene Direktor des Culmer Gymnasiums Friedrich Preuß betonte, dass bereits allein die Pflege der polnischen Sprache und Literatur im Rahmen dieser Geheimorganisation, unabhängig von der Frage, ob diese politische Ziele verfolgt, zu einem Verweis von der Schule geführt hätte[6]. Das Gericht sprach 15 Angeklagte frei, 10 erhielten einen Verweis, verurteilte aber die übrigen zu Geld- und kurzzeitigen Gefängnisstrafen. Die preußische Schulverwaltung entschloss sich kurz nach dem Prozess, die sog. Geheimbündler der Schule zu verweisen und ihnen auch den Besuch anderer höherer Schulen in Preußen zu verweigern[7]. Eine Aufdeckung der Zugehörigkeit Raszejas zum 1903 reaktivierten Geheimbund oder der Verbindung Schumachers zu dieser Vereinigung hätte also mit Sicherheit Konsequenzen für ihre persönliche Zukunft gehabt. Auch Schumachers Familie – sein Vater stand als Kaufmann und Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung gesellschaftlich in einer sehr exponierten Position, seine Schwester Hedwig war Lehrerin in Culm, seine anderen Schwestern waren mit im preußischen Schuldienst stehenden Lehrern verheiratet – hätte Nachteile erleiden können, wären die Sympathien des späteren SPD-Politikers für die polnische Geheimbewegung bekannt geworden.

1914 wurde Raszeja zum Militärdienst eingezogen und diente in der preußischen Armee an der Ostfront. Er geriet in russische Gefangenschaft und konnte erst 1918 nach vierjährigem Aufenthalt in Taschkent (heute Usbekistan) fliehen und über Finnland und Schweden in seine Heimat zurückkehren[8]. Am 31. Mai 1918 nahm Raszeja ein Philologiestudium in Berlin auf, wechselte am 10. Oktober 1918 jedoch an die medizinische Fakultät[9]. Im Februar 1919 setzte er sein Studium in Münster fort. Hier traf er sich mit Kurt Schumacher, der sich zu dieser Zeit ebenfalls in Münster aufhielt. Raszeja verließ die Stadt aber bereits im Juli 1920, um nach Polen zurückzukehren[10]. 1920 nahm er als Sanitäter am polnisch-sowjetischen Krieg teil[11].

Nach seinem weiteren Medizinstudium in Krakau (Kraków) sowie Posen (Poznań) und seiner Promotion im Jahr 1923[12] war er in der Universitätsklinik Posen tätig. 1931 habilitierte er sich und wurde Direktor des orthopädischen Krankenhauses in Swarzędz bei Posen[13]. Gleichzeitig leitete er eine orthopädische Poliklinik in Posen[14]. Raszeja erreichte 1935 die Wiedereröffnung des Orthopädiekrankenhauses der Posener Universität und übernahm seine Leitung[15]. Ein Jahr später wurde er zum Professor für Orthopädie ernannt[16]. Raszeja ist Verfasser von rund 50 wissenschaftlichen Arbeiten[17]. 1937 protestierte er mit zehn anderen Wissenschaftlern gegen die Beschränkung der Zahl jüdischer Studenten (numerus clausus) und wehrte sich auch gegen die Einrichtung gesonderter Sitzplätze für Juden in den Hörsälen[18].

Im September 1939 flüchtete Raszeja mit dem Personal des Armeekrankenhauses Lodsch (Łódź), in das er zu Kriegsbeginn einberufen worden war, vor der nahenden Front nach Osten und kam in die Stadt Kowel[19], die damals zu Polen gehörte und heute 65 km von der polnischen Grenze entfernt im Nordwesten der Ukraine liegt. Hier wurde er Kommandant des Armeekrankenhauses[20]. Als die Sowjetunion infolge des Hitler-Stalin-Pakts ab dem 17. September die ostpolnischen Gebiete besetzte und Raszeja gewarnt wurde, dass der sowjetische NKWD seine Verhaftung plant, floh er nach Warschau[21]. Hier wurde er im Dezember 1939 Oberarzt der orthopädischen Abteilung des Krankenhauses des Polnischen Roten Kreuzes an der ul. Smolna 6[22]. Er unterrichtete im Untergrund Studenten der Geheimen Warschauer Universität. Die Veranstaltungen fanden im Krankenhaus statt, in dem er arbeitete[23]. Die Einrichtung des Warschauer Ghettos führte dazu, dass sein enger Mitarbeiter Dr. Kazimierz Polak mit seiner jüdischen Ehefrau ins Ghetto umziehen musste[24]. Raszeja nahm Verbindung mit dem sich im Ghetto aufhaltenden Professor Ludwik Hirszfeld auf, leistete vielen Ghettobewohnern ärztliche Hilfe und organisierte einen Blutspendedienst für die jüdische Bevölkerung[25]. Außerdem schmuggelte Raszeja Impfstoffe, Medikamente und Lebensmittel ins durch eine hohe Mauer von den umgebenden Stadtteilen abgegrenzte und vom Terror gezeichnete Ghetto, in dem durch die von den deutschen Besatzern bewusst in Kauf genommenen extremen Lebensbedingungen die Sterblichkeit sehr hoch war; er half auch Juden, aus dem Ghetto zu fliehen[26]. Am 21. Juli 1942 begab sich Professor Raszeja, obwohl ihm bei der Ausgabe des Passierscheins angedeutet wurde, dass es sich um einen „gefährlichen Tag“ handele[27], ins Ghetto, um einen schwer kranken Patienten, den Antiquar Abe Gutmajer[28], im Haus an der ul. Chłodna 26 zu behandeln[29]. Er wurde dort mit dem Patienten und dessen Familie, seinem ehemaligen Assistenten Dr. Kazimierz Polak und einer Krankenschwester von SS-Männern erschossen[30]. Franciszek Raszeja hinterließ seine Frau und zwei Töchter[31].

Die Nachricht von dieser Tat muss sich im Ghetto rasch verbreitet haben, denn sowohl Stanisław Gombiński (Moje wspomnienia), Henryk Makower (Pamiętnik z getta warszawskiego, październik 1940 – styczeń 1943) und auch Ludwik Hirszfeld („Dzieje jednego życia“) berichten in ihren Erinnerungen aus dem Warschauer Ghetto von diesem Mord[32]. Für die sicherlich größte Bekanntmachung sorgte jedoch Władysław Szpilman, der in seinem 1946 verfassten Buch „Śmierć miasta“ („Tod einer Stadt“, dt. Ausgabe 1998 unter dem Titel „Das wunderbare Überleben – Warschauer Erinnerungen 1939-1945) Raszeja erwähnt. Auch Roman Polanski erinnert in seinem preisgekrönten Film „Der Pianist“ aus dem Jahr 2001, der auf Szpilmans Autobiographie beruht, an Raszeja. Władysław Szpilman schrieb in seinem Buch: „An diesem Tag kam es am Nachmittag zu einem Vorfall, der Warschau auf beiden Seiten der Mauer erschütterte; der bekannte polnische Chirurg, ein Meister seines Fachs, Doktor Raszeja, Professor der Posener Universität, wurde ins Ghetto gebeten, um eine schwierige Operation durchzuführen. Wie in solchen Fällen üblich, erhielt er am Eingang der Kommandantur der deutschen Polizei einen Passierschein, aber als er schon vor Ort war und mit dem Eingriff begann, drangen SS-Männer in die Wohnung und erschossen den in Narkose auf dem Operationstisch liegenden Patienten, anschließend den Chirurgen und schließlich alle sich im Haus aufhaltenden Bewohner.“[33]

Im Februar 2001 wurde Franciszek Raszeja für seinen Einsatz für die jüdische Bevölkerung von der israelischen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust Yad Vashem in Jerusalem posthum der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen[34].

Maksymilian Raszeja
Franciszek Raszejas älterer Bruder Maksymilian wurde am 10. März 1889 geboren und besuchte das Gymnasium im seinerzeit preußischen Culm, an dem er 1907 das Abitur ablegte[35]. Nach dem Abitur besuchte er ab 1907 das Priesterseminar in Peplin, wo er 1912 zum Priester geweiht wurde. Nach einem Theologiestudium in Freiburg im Breisgau erwarb er dort 1915 den Titel eines Doktors der Theologie. Während des Ersten Weltkriegs diente Raszeja als Militärgeistlicher in der preußischen Armee. Nach dem Krieg war er Pfarrer in Śliwice bei Tuchola (dt. Tuchel), bis er 1926 zum Professor am Pepliner Priesterseminar berufen wurde. 1928 wurde er Kanoniker. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde Raszeja am 12. September 1939 verhaftet. Man versuchte, ihn durch Misshandlungen zur Preisgabe des Verstecks der Pepliner Gutenbergbibel, anderer wertvoller Kunstwerke und Archivbestände zu bewegen. Zusammen mit anderen Priestern wurde Maksymilian Raszeja am 20. Oktober 1939 in Tczew (dt. Dirschau) erschossen.[36]

[Ausführlichere Darstellung vom 20. Oktober 2015]

Leon Raszeja
Leon Raszeja wurde am 26. Juni 1901 geboren und studierte nach der 1921 am Culmer Gymnasium bestandenen Reifeprüfung[37] Rechtswissenschaften an den Universitäten in Kraków (Krakau) und Poznań (Posen). Nach seinem Abschluss 1926 war er zehn Jahre lang als Richter in Chojnice (Konitz), Czersk (Marienwalde), Tuchola (Tuchel) und Grudziądz (Graudenz) tätig. Am 10. Juni 1936 wurde er zum Stadtpräsidenten von Toruń (Thorn) gewählt und trat sein Amt am 8. August desselben Jahres an. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen wird die Stadtverwaltung von Toruń in den ersten Septembertagen 1939 nach Lublin verlagert. Hier kommt Leon Raszeja am 9. September 1939 bei einem Bombenangriff ums Leben.[38]



[1] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“, in: „Czas Chełmna“ 02.04.2004, S. 8
[2] Schober, Volker, Der junge Kurt Schumacher 1895 – 1933, Bonn 2000, S. 65 [Das Buch ist erhältlich beim Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn]
[3] Schober, S. 65
[4] Schober, S. 66
[5] Schober, S. 56 ff
[6] Schober, S. 59
[7] Schober, S. 61
[8] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“, in: Trybuna 155 (4055), Magazyn 27 (83), 05.07.2003, S. 11, online unter URL:
http://forum-znak.org.pl/index.php?t=przeglad&id=1889 (22.12.2004)
[9] Schober, S. 123
[10] Schober, S. 123 f
[11] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“
[12] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“
[13] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942), in: „Z Życia Akademii Medycznej w Warszawie“, April 2000 – Nummer 4 (95), online unter URL:
http://www.bibl.amwaw.edu.pl/pismo/4-00.htm (22.12.2004)
[14] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“
[15] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“
[16] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“
[17] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“
[18] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“
[19] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“
[20] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“
[21] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“
[22] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“, Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“
[23] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“
[24] Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“
[25] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“, Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“
[26] vgl. Jurkowiak, Adam, „Prof. Raszeja – zapomniany Sprawiedliwy“
[27] Kocon, Tadeusz, „Profesor Franciszek Raszeja (1896-1942)“
[28] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“
[29] Durkalec, Jerzy, „Zginął pomagając pacjentowi“, in: „Głos Wielkopolski“ 30.04.2003, online unter URL:
http://www.glos.com/index.php?arch=1&d=03-04-30&∓k=glosemcz&f=07-03 (27.12.2004)
[30] Durkalec, Jerzy, „Zginął pomagając pacjentowi“
[31] Schober, S. 124
[32] vgl. Eintrag in der Datenbank über das Warschauer Ghetto, online unter URL:
http://warszawa.getto.pl/pl/site/wyszukiwanie_db (22.12.2004)
[33] Szpilman, Władysław, Pianista. Warszawskie wspomnienia 1939-1945, Kraków 2002
[34] vgl. Notiz „Sprawiedliwi wśród narodów świata“ in der Tageszeitung „Życie“ vom 26.02.2001, online unter URL:
http://www.zycie.com.pl/archiwum/tekst.php?id_tekst=7250 (27.12.2004)
[35] Rafiński, Stefan, „Z dziejów Gimnazjum i Liceum Ogólnokształcącego w Chełmnie“, Bydgoszcz 2002, S. 111
[36] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“
[37] Rafiński, Stefan, „Z dziejów Gimnazjum i Liceum Ogólnokształcącego w Chełmnie“, Bydgoszcz 2002, S. 112
[38] Grzeszna-Kozikowska, Anna, „Bracia Raszejowie“; Informationen über Leon Raszeja auf der Homepage der Stadtverwaltung Toruń, online unter URL:
http://www.um.torun.pl/torun/miasto/Raszeja.php (27.12.2004)
[B1] Reproduktion aus Schober, S. 66

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: Januar 2005]


Deutsche Besatzung in Chełmno nad Wisłą – empfohlene Beiträge:


NS-Zeit in Chełmno 1944/45 – Erinnerungen von Eugeniusz Stefaniak

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 14.09.2009]

Nachdem ich im November 2008 den ersten Teil der interessanten Kindheitserinnerungen von Oberst Eugeniusz Stefaniak über die deutsche Besatzung seiner Heimatstadt zusammengefasst und veröffentlich hatte, bot sich mehrmals die Gelegenheit, mit Herrn Stefaniak zu telefonieren. Heute möchte ich mein ihm gegebenes und längst überfälliges Versprechen einlösen und auch seine wichtigsten Erlebnisse während der letzten Kriegsmonate (ab Seite 67 seines Buchs „Byłem oficerem politycznym LWP“) Lesern, die kein Polnisch können, zugänglich machen.

Im August 1944 musste, nachdem die Front immer näher gerückt war, jeder Betrieb in Chełmno ein bis zwei Mitarbeiter für die Anlage von Verteidigungsanlagen abstellen. Nach Erinnerung Stefaniaks wurde eine größere Gruppe von Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren nach Zajączkowo gebracht. Der Autor gibt die Lage dieser Ortschaft mit „bei Toruń“ an, aber wahrscheinlich handelt es sich um das doch ein gutes Stück von dieser Großstadt entfernte und rund 35 km südöstlich von Chełmno liegende Zajączkowo in der Gemeinde Chełmża. Die rund 200 Personen übernachteten in einer Scheune, wurden mit Schaufel oder Spitzhacke ausgestattet und dazu gezwungen, 12 Stunden täglich Schützen- und Panzergräben auszuheben.

Die Zwangsarbeiter waren in drei sog. Kommandos eingeteilt, zwei polnische und ein jüdisches, das von jungen Jüdinnen aus Ungarn gebildet wurde. Während der Arbeiten auf den Feldern wurden die polnischen Arbeiter von Wehrmachtssoldaten beaufsichtigt, in ihrer Unterkunft hingegen von einer HJ-Gruppe aus Danzig, die der Autor als sehr aggressiv bezeichnet und die die Polen vor und nach dem langen Arbeitstag schikanierte. Die jüdischen Zwangsarbeiterinnen hingegen wurde von einer Einheit der „SS Galizien“ bewacht, deren Angehörige sich durch brutales Verhalten auszeichneten.

Zwei Ereignisse aus dieser Zeit sind Stefaniak besonders im Gedächtnis haften geblieben. Beim Anblick eines großen Verbands alliierter Flugzeuge, der Zajączkowo in erheblicher Höhe überflog, brach unter den Zwangsarbeitern spontaner Jubel aus, der von den Wehrmachtssoldaten mit Schüssen in die Luft sofort unterbunden wurde. Für die Jugendlichen, die mit dem Ausheben der Gräben befasst war, war dies neben den mittlerweile zu ihnen durchgedrungenen Nachrichten über den Ausbruch des Warschauer Aufstands ein Signal, die Hoffnung nicht aufzugeben und durchzuhalten.

Das zweite Ereignis datiert der Autor auf seinen 16. Geburtstag, also den 8. September 1944. Die polnischen Zwangsarbeiter warteten neben der Scheune, in der sie untergebracht waren, vor einer Feldküche auf die Essensausgabe oder nahmen bereits ihre Mahlzeit ein, als sich eine aus Jüdinnen bestehende Kolonne unter SS-Bewachung näherte. Stefaniak bemerkte kurz geschnittene Haare, staubüberzogene Kleidung und Gesichter sowie deutliche Anzeichen von allgemeiner Schwäche und Erkrankungen bei den Frauen. Unter Schlägen, Beschimpfungen und dem Bellen der die SS-Soldaten begleitenden Schäferhunde wurden sie vorangetrieben. Als einige Jüdinnen an Stefaniak, der seine Essensration bereits empfangen hatte, vorbeikamen und um Essen baten, sprang dieser vor und legte einer Frau einige Kartoffeln in die Hand. Seine Hilfe musste er zunächst mit einer Reihe von Schlägen, die ihm ein herannahender SS-Mann verabreichte, büßen. Sodann tauchte der HJ-Lagerführer auf und verpasste ihm einen Faustschlag ins Gesicht. Es folgten weitere Schläge, Tritte und Beschimpfungen. Stefaniak verlor das Bewusstsein und erwachte erst wieder in einem unterirdischen Eiskeller, in dem er zur Strafe mehrere Tage verbringen musste. Durch die Kälte erkrankte er, bekam Fieber und Geschwüre und wurde schließlich seiner Mutter und Schwester überlassen, die ihn um den 17. September nach Chełmno brachten. Andere Zwangsarbeiter wurden noch bis zum November 1944 festgehalten, um Gräben zu bauen, die letztendlich ihren militärischen Zweck überhaupt nicht erfüllten.

Da sein bisheriger Arbeitgeber Wincenty Szalwicki wegen der Erkrankung nicht mehr an seiner Beschäftigung interessiert war, wurde Stefaniak entlassen und erhielt sodann die Anweisung, ab dem 1. Oktober 1944 in der Autowerkstatt des Postamts in Chełmno zu arbeiten. Diese Tätigkeit übte er bis zur Einnahme der Stadt durch die Rote Armee im Januar 1945 aus.

Stefaniak erinnert sich daran, dass mit näher rückendem Kriegsende der Gebrauch der polnischen Sprache in der Öffentlichkeit immer seltener auf Repressionen stieß. Bisher war es üblich, dass ihn Polizisten oder Volksdeutsche schlugen, wenn er auf der Straße Polnisch gesprochen hatte.

Der letzte Kriegswinter war für die Familie Stefaniak noch einmal sehr hart. Dem Autor in Erinnerung geblieben sind das ständig zugefrorene Fenster der winzigen Wohnung, der ständige Hunger, aber auch ein gestärkter familiärer Zusammenhalt und gewisser Optimismus angesichts der zunehmenden militärischen Niederlagen der deutschen Besatzungsmacht.

Der damals 16-jährige Stefaniak verfolgte mit Freude das Einrücken der Roten Armee in Chełmno. Der Marktplatz in der Altstadt wurde als Standplatz für Panzer und andere Fahrzeuge genutzt. Die Stadt war voller Soldaten. Überall vernahm man russische Rufe. Lagerfeuer sorgten in diesem außerordentlich strengen Winter für ein wenig Wärme. In den Straßen sah man rot-weiße Fahnen, amtliche Bekanntmachungen in polnischer Sprache. Stefaniak sah zum ersten Mal in seinem Leben Portraits von Stalin. Neben sowjetischen Soldaten patrouillierten auch polnische Polizisten durch die Stadt.

Trotz der relativen Stabilität lag Chełmno noch immer im Frontgebiet. Stefaniak vermutet, dass die Rote Armee wahrscheinlich deshalb im Februar bei scharfem Frost hartgefrorene Leichen sowjetischer Soldaten in einer kleinen Grünanlage an der ul. Parkowa und ul. Grudziadzka in großer Eile bestattete.

Nach der Erinnerung des Autors wurde Anfang Februar 1945 der 1913 geborene Józef Trębicki, der vor dem Krieg Mitinhaber eines Weidenruten verarbeitenden Betriebs in Chełmno gewesen war, zum Bürgermeister ernannt. Er amtierte im historischen Rathaus auf dem Markt. Eugeniusz Stefaniak wurde in seinem Büro als für ehemaliges deutsches Vermögen zuständiger Referent eingestellt. Ihm unterstand ein großes Lager an der ul. Biskupia, in das Möbel aus von Deutschen verlassenen Wohnungen gebracht wurden. Dort wurden sie auf Anweisung des Bürgermeisters konkreten Einwohnern zugeteilt. Stefaniak gehörte trotz seines jungen Alters auch der Freiwilligen Bürgermiliz (Ochotnicza Milicja Obywatelska) an. Stefaniaks Mutter hielt ihn davon ab, die bis 1939 von der Familie besessene Wohnung wieder in Beschlag zu nehmen, was ihm wegen seiner Position sicher möglich gewesen wäre. Stattdessen ließ er sich vom Bürgermeister eine freie Zweizimmerwohnung mit Küche an der ul. Świętego Ducha zuweisen. Seine Familie zog dort Ende Februar oder Anfang März ein.

Obwohl die Stadt Chełmno am 27. Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen wurde, bedeutete dieser Tag noch kein Ende der Kampfhandlungen. Stefaniak beschreibt nämlich eine Begebenheit, an der er persönlich als Angehöriger der Freiwilligen Bürgermiliz beteiligt war: Mitte Februar versuchten Gruppen versprengter Wehrmachtssoldaten aus dem Raum Toruń, bei Chełmno über die Weichsel zu setzen und sich weiter zur noch von den Deutschen kontrollierten Ostseeküste bei Danzig (Gdańsk) durchzuschlagen. Eine Sowjetoffizierin im Rang eines Hauptmanns, die das südlich der Altstadt von Chełmno gelegene und mit verletzten Rotarmisten voll belegte Krankenhaus leitete, organisierte die Verteidigungsmaßnahmen. Stefaniak nahm in der Nähe des Krankenhauses und an der ul. Toruńska an dem vierstündigen Feuergefecht mit den deutschen Soldaten teil, die schließlich abgewehrt wurden und sich einen Weg zur Weichsel abseits der Stadt suchen mussten. Der Autor beobachtete, wie kleine und größere Wehrmachtseinheiten versuchten, südlich von Chełmno die zugefrorene Weichsel in Richtung Gruczno zu überqueren. Die sowjetische Artillerie beschoss stundenlang die deutschen Soldaten vom hoch über dem Weichseltal gelegenen Kasernengelände in Chełmno aus und zwang diese zu einer verzweifelten Flucht. Auch in den nächsten Tagen wurden noch Gruppen deutscher Soldaten aufgegriffen, die aus dem belagerten Grudziądz entkommen waren.

Das Verhältnis zu den neuen sowjetischen Machthabern gestaltete sich schwierig. Durch die Germanisierungspolitik waren viele polnische Einwohner „eingedeutscht“ und mit entsprechenden Ausweisen ausgestattet worden. Außerdem hatten viele Männer in der deutschen Wehrmacht gedient.

Sie wussten nicht, wie sie uns erkennen sollten: Wer ist Pole und wer ist Deutscher? Wen haben sie befreit und wen besiegt? (…) Diese Frage war wesentlich, weil die deutsche Bevölkerung keinerlei rechtlichen Schutz genoss. Es mussten Wochen vergehen, bevor diese komplizierten Verhältnisse und die Wahrheit über die Besatzungszeit auch das Bewusstsein nicht nur der Kommandantur der sowjetischen Armee, sondern auch der neuen polnischen Behörden erreichten.

Während Stefaniak die ersten Einheiten der Roten Armee, die an der Front gekämpft und die Stadt befreit hatten, positiv in Erinnerung behalten hat, genossen die nachrückenden Soldaten wegen vieler Raube und Vergewaltigungen einen schlechten Ruf. Es kam nun auch zu Verhaftungen von Deutschen sowie von Personen, die als Kollaborateure galten. Später wurden Razzien durchgeführt und Männer, wohl unabhängig von ihrer Nationalität, verpflichtet, beim Bau einer Holzbrücke über die Weichsel mitzuhelfen, der innerhalb von drei Wochen abgeschlossen wurde. Stefaniak erinnert sich, dass dieser Zwangsdienst unterschiedlich bewertet wurde. Manche beklagten diesen als Repressionen, die meisten aber sollen die Meinung vertreten haben, dass unter der Führung der Sowjets innerhalb kurzer Zeit etwas geschaffen worden ist, über das man in der Vorkriegszeit 20 Jahre lang nur debattiert habe. Diesen Symbolcharakter der Brücke als Erfolg des sich nun etablierenden politisch-gesellschaftlichen Systems nicht schmälern konnte auch die Tatsache, dass viele zwangsverpflichtete Männer nicht nach Hause zurückkehrten, sondern in Lager in die UdSSR verschleppt wurden.

Den ersten Teil der Zusammenfassung finden Sie unter dem Titel NS-Zeit in Chełmno – Kindheitserinnerungen von Eugeniusz Stefaniak.

NS-Zeit in Chełmno – Kindheitserinnerungen von Eugeniusz Stefaniak

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 10.11.2008]

Vor zwei Monaten erhielt ich einen Anruf eines älteren Herren, der auf meinen 1997 verfassten Aufsatz über die NS-Zeit in Chełmno aufmerksam geworden war und mir während des Telefongesprächs sein im vergangenen Jahr beim Verlag Adam Marszałek in Toruń herausgegebenes Buch Byłem oficerem politycznym LWP empfahl. Dieser Titel, der ins Deutsche übersetzt Ich war Politoffizier der Polnischen Volksarmee bedeutet, lässt zunächst keinen Zusammenhang mit Chełmno vermuten. Umso dankbarer bin ich dem Verfasser, Herrn Eugeniusz Stefaniak, dass er mich auf sein Werk hingewiesen hat, und nehme gerne seine Anregung auf, an dieser Stelle den ersten Teil seiner Darstellungen zusammenfassend wiederzugeben.

Oberst Eugeniusz Stefaniak, 1928 in Chełmno geboren, setzt sich nämlich nicht nur selbstkritisch und offen mit seinem persönlichen Werdegang als Offizier in der Polnischen Volksarmee bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1980 auseinander, sondern berichtet auch über seine alles andere als sorgenfreie Kindheit, die er in seiner Heimatstadt verbrachte. Besonders interessant sind seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Besatzung der Stadt durch das nationalsozialistisch regierte Deutschland. Seine Schilderungen zeigen eindrücklich die Schwierigkeiten und Gefahren, denen seine schon vor dem Krieg in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie ausgesetzt war.

Stefaniak erinnert sich daran, dass im Sommer 1939 in der Schule, auf der Straße und im Kreis der Familie über die Gefahr eines Krieges gegen Deutschland gesprochen wurde. Der damals 11-jährige Schüler war davon überzeugt, dass die Soldaten der örtlichen Garnison, die von ihm inständig verehrt wurden, im Fall der Fälle den Feind zurückschlagen würden. Ende August wurde sein 39-jähriger Vater zur Armee einberufen, obwohl er aus dem Ersten Weltkrieg als Kriegsbeschädigter zurückgekommen war und eine Frau und sechs Kinder zu versorgen hatte.

Landratsamt während der NS-Zeit in Chełmno nad Wisłą (Kulm an der Weichsel)
Erstes militärisches Anzeichen für den Kriegsausbruch war für Eugeniusz Stefaniak ein Angriff drei deutscher Bomber am 1. September, die die Weichselfähre bei Chełmno und einen zwischen Stadt und Weichsel liegenden Wald angriffen, in dem polnische Einheiten lagen. Am nächsten Tag schleppte sich ein schwer verletzter polnischer Soldat auf den Hof des von den Stefaniaks bewohnten Hauses, das an der von der Weichselfähre in die Altstadt führenden Verbindungsstraße (ul. Kamionka) stand. Nachmittags tauchten über der Nachbarstadt Świecie blaue Bomber auf, die zunächst für britische Flugzeuge gehalten wurden. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese deutschen Maschinen vom Typ Heinkel alle umliegenden Weichselübergänge bombardierten. Auch auf den nahe gelegenen Wald und den Garten des Hauses, in dem die Familie Stefaniak lebte, fielen Bomben. Ein Nachbar der Stefaniaks kam dabei ums Leben.

Die nächste Erinnerung des Autors betrifft den Abend des 5. September, als eine erste Kolonne gepanzerter Wehrmachtsfahrzeuge auf einer Pontonbrücke die Weichsel überquerte. Drei Tage und drei Nächte lang, so Stefaniak, seien im Haus die von Fahrzeugkolonnen verursachten Erschütterungen zu spüren gewesen. Er beobachtete die feindlichen Panzer, Artillerie und motorisierte Infanterie, die Chełmno durchquerte und sorgte sich um das Schicksal seines Vaters, der ins rund 40 km gelegene Toruń einberufen worden war. Später zeigte sich, dass der Vater während der Schlacht an der Bzura in deutsche Gefangenschaft geraten war und im Spätherbst 1941 nach Hause zurückkehren konnte.

Die ersten Besatzungsmonate charakterisiert Eugeniusz Stefaniak mit folgenden Worten:

Wie auf ein Trompetensignal begannen sich die örtlichen Deutschen zu aktivieren. In ihrer Siegeseuphorie gingen sie, militärischen Schutzes gewiss, sofort zu einer Welle barbarischer Verhaftungen und Ermordungen von Polen über. Nicht die Wehrmacht, nicht die Polizei und nicht die Gestapo (diese nur sporadisch), sondern einheimische Deutsche, die einstigen Nachbarn der Polen, im sog. Selbstschutz organisiert, brachten Schande über sich durch einen Völkermord im Culmer Land. (…) Es ist unfassbar, woher der übermäßige Hass der einheimischen Deutschen kam. Schließlich wurden nicht nur Männer, Väter und Ehegatten, sondern oft auch Ehefrauen und Kinder ermordet. Sicherlich hörte man auch von guten Deutschen, die sich anständig gegenüber Polen verhielten. Jedoch wurde ihre Güte und die greifbaren Belege dafür vom enormen Maß der Verbrechen der Selbstschutz-Gruppen gedämpft oder besser gesagt erstickt.

Im Gedächtnis haften geblieben ist Eugeniusz Stefaniak aus dieser Anfangszeit der NS-Herrschaft in der nun amtlich Kulm an der Weichsel heißenden Stadt die Inhaftierung von 300 Personen in der Franziskanerkirche, die wegen ihrer Nutzung durch das benachbarte Gymnasium auch Gymnasialkirche genannt wurde. Lehrer, Beamte, Handwerker, Ärzte, Pfarrer, Funktionäre polnischer Verbände, aber vor allem vermögende Landwirte, darunter Stefaniaks Onkel Roman aus dem im Landkreis Chełmno gelegenen Dorf Strucfon, wurden in dem großen Gotteshaus festgehalten. Gemeinsam mit seiner Tante Felicja harrte der junge Eugeniusz vor der Kirche aus und wartete auf Gelegenheiten, seinem Onkel kleine Pakete mit Lebensmitteln und warme Kleidung zukommen zu lassen. Die Inhaftierten wurden verhört und geschlagen, viele von ihnen anschließend an einer der Massenhinrichtungsstätten in der Umgebung von Chełmno ermordet, andere vorübergehend freigelassen. Roman Stefaniak konnte nach seiner Freilassung fliehen und sich im Generalgouvernement versteckt halten. Dort schloss er sich einer Widerstandsorganisation an.

Marktplatz in Chełmno während des Zweiten WeltkriegsBesonderes Unbehagen bereitete Eugeniusz Stefaniak in dieser Zeit das seiner Erinnerung nach selbstsichere Auftreten von Deutschen, die die nicht weit entfernte evangelische Kirche an der ul. Wodna besuchten. Er sah einen Widerspruch darin, dass sich Menschen einerseits durch den Kirchgang zum christlichen Glauben bekannten und andererseits schweigend das in einem anderen Gotteshaus der Stadt stattfindende Unrecht hinnahmen. Stefaniak erinnert sich daran, dass er bereits zu diesem Zeitpunkt von der Entscheidungsgewalt einheimischer Deutscher über Tod oder Leben überzeugt gewesen ist. Seine Erinnerung an die gut 70 Jahre zurückliegenden Ereignisse zeigt, wie präzise man im Detail sein muss, um nicht unschuldige Personen als Verbrecher erscheinen zu lassen.

So habe es, wie Stefaniak in seinem Buch ausführt, in Chełmno zwei Männer mit Nachnamen Kalweit gegeben, einen sich anständig verhaltenden Gärtner dieses Namens, und einen gewissen Hugo Kalweit, der Mitglied des Selbstschutzes war und „der Buckelige“ genannt wurde. Als weiteren ihm bekannten Selbstschutz-Angehörigen erwähnt Stefaniak Anton Resmer aus Lisewo. Stefaniak erinnert sich an eine Aufsehen erregende Aktion Hugo Kalweits im Februar oder März 1940, als dieser während eines Gottesdienstes hoch zu Pferde in die katholische Marienkirche ritt und so offensichtlich seine Stellung als vermeintlicher Herrenmensch demonstrieren wollte.

Einprägsamer als Aufsehen erregende Ereignisse waren für den Autor jedoch die täglichen Sorgen um Nahrungsmittel und die Gesundheit der Familie. Wenige Monate nach seiner Entlassung aus deutscher Kriegsgefangenschaft starb im März 1942 der Vater, so dass es nun vor allem der Mutter oblag, ihre sechs Kinder im Alter von vier bis sechzehn Jahren zu versorgen. Eine Unterstützung wurde ihr im Rathaus mit hämischem Kommentar verweigert. Die rechtliche Lage der Stefaniaks war von Beginn der deutschen Besatzung an unsicher, denn die Eltern stammten aus dem Raum Lublin, dem früheren Kongresspolen. Daher war die Familie seit dem Winter 1939/40 darauf eingestellt, ins Generalgouvernement ausgesiedelt zu werden. Sie stand auf einer entsprechenden Liste. Zweimal erhielt sie die Anordnung, sofort ihre Wohnung zu verlassen und sich zu einem Sammelpunkt zu begeben. Zweimal wurde diese Entscheidung in letzter Minute rückgängig gemacht, zum einen wegen der Kriegsgefangenschaft des Vaters und der großen Kinderzahl. So geschah es, dass die Stefaniaks „nur“ in eine schlechtere Wohnung umziehen mussten. Zu einer Vertreibung aus Chełmno kam es nicht mehr, jedoch blieb durch den Status von zur Aussiedlung bestimmten Personen Eugeniusz Stefaniak bis zum Ende des Krieges der Schulbesuch verwehrt.

Der Autor erinnert sich aber nicht nur an das Unrecht des NS-Regimes und seiner Vertreter, sondern auch Schikanen, die die Familie von anderen Polen erlitt. So habe ein ehemaliger Nachbar ihnen rechtswidrig ein landwirtschaftlich genutztes Grundstück und dadurch die Möglichkeit, Vorräte für den Winter anzulegen, genommen, schreibt Stefaniak.

Schmerzlich in Erinnerung behalten hat der Verfasser ebenso, dass Kinder die Fensterscheiben der Wohnung mit Steinen eingeworfen und ihre Aktionen mit Rufen wie „Fort mit den Russen!“ oder „Fort mit den Kongresspolen!“ kommentiert haben. Stefaniak schreibt:

Mit Bitterkeit denke ich daran zurück, dass uns die Deutschen im Namen ihrer „Ordnung“ manchmal vor Polen aus Pommerellen verteidigt haben. Deshalb möchte ich nicht übermäßig den polnischen Patriotismus während der Kriegsjahre idealisieren. Es gibt nämlich auch dunkle und beschämende Seiten.

Die Ursachen für diese gar feindliche Einstellung gegenüber Polen aus dem ehemaligen russischen Teilungsgebiet, dem sog. Kongresspolen, seitens in Chełmno schon seit langem ansässigen Landsleuten sieht Stefaniak heute in einer übermäßigen Idealisierung der „guten alten Zeit unter Kaiser Wilhelm“, als es nicht die wirtschaftlichen Probleme mit hoher Arbeitslosigkeit und weit verbreiteter Armut gab, mit denen der junge polnische Staat nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit kämpfen musste. So könnten ein Teil der alteingesessenen Einwohner, auch solche nichtdeutscher Abstammung, in den ersten Kriegsjahren, die preußische Ära verklärend, wieder von wirtschaftlich besseren Zeiten geträumt und versucht haben, sich von den „russischen Eindringlingen“ demonstrativ abzugrenzen. Diese Haltung änderte sich nach Stefaniaks Erinnerung jedoch ab Ende 1942.

Stefaniak überrascht in diesem Zusammenhang auch mit einer weiteren Beobachtung: Er lobt ausdrücklich den von der Besatzungsmacht eingesetzten Verwaltungschef Buchwald als „wahrhaften Bürgermeister“, der jede Woche mit einer Kutsche alle Straßen und Winkel der Stadt abgefahren habe, um sodann eventuelle Missstände und Mängel sofort beheben zu lassen. Stefaniak schreibt:

Dadurch war die Stadt gepflegt und sauber. Kaum zu glauben, dass in dieser Zeit ein vernichtender Krieg tobte.

Je länger Krieg und Besatzung dauerten, desto kritischer wurde die Lage der Familie Stefaniak. Anfangs beschaffte sich Stefaniaks Mutter Stanisława Nahrungsmittel für ihre Kinder, indem sie in der Stadt Fische erwarb und diese in umliegenden Dörfern gegen Brot, Mehl, Eier und andere Produkte eintauschte. Sie musste weite Strecken zu Fuß zurücklegen, um mit ihrem Tauschhandel Erfolg zu haben. Im Winter suchte sie oft an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort auf dem Land eine Übernachtungsmöglichkeit, weil ihr die Kraft fehlte, noch am selben Abend nach Hause zurückzukehren.

Mit Hakenkreuzfahnen versehenes Graudenzer Tor in Kulm (Chełmno) während der NS-ZeitDurch die konsequente Einführung der Deutschen Volksliste und bis Frühjahr 1942 vollzogene Einteilung der Bevölkerung verschärfte sich die Versorgungslage noch weiter, weil die Stefaniaks zu der Minderheit der Einwohner gehörten, die in keiner Gruppe der Deutschen Volksliste erfasst worden war, sondern als Polen nur einen Anspruch auf minimale Lebensmittelrationen und Produkte schlechterer Qualität hatten. Die Kinder versuchten nach Kräften, der Mutter zu helfen. Eugeniusz’ älteste Schwestern, die 18-jährige Teresa und die 12-jährige Danuta, mussten Zwangsarbeit in der Kunsthonigfabrik im rund 20 km entfernten Unislaw leisten, und zwar einschließlich Fahrzeit 15 Stunden täglich. Dabei gelang es ihnen immer wieder, ein wenig Kunsthonig in ihrer Kleidung zu verstecken und mitzubringen.

Dennoch verschlechterte sich die körperliche Verfassung der Familienmitglieder zunehmend. Eugeniusz wurde von seiner Mutter beispielsweise zur Landarbeit aufs Dorf mitgenommen, um dort zumindest etwas Essen zu erhalten. Besonders kritisch war die Lage gegen Ende des Winters, als die schmalen Vorräte zu Neige gingen. Stefaniak erinnert sich daran, dass die Familie im Frühjahr 1942 drei Tage lang überhaupt nichts zu essen hatte.

Alle sechs Kinder erkrankten schließlich an Thyphus. Da ihnen die Aufnahme ins Kreiskrankenhaus verweigert wurde, wandte sich die Mutter an die im Kloster tätigen Barmherzigen Schwestern, die die Stefaniaks in ihrer Krankenstation zwei Monate lang behandelten und pflegten. Für die älteste Schwester Teresa kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie verstarb im Alter von 20 Jahren. Die anderen fünf Geschwister konnten geheilt werden.

Roonkaserne an der ul. 3 Maja in Kulm an der Weichsel (Chełmno nad Wisłą) während des Zweiten WeltkriegsMit der Rückkehr nach Hause begann erneut der Kampf ums Überleben. Die Mutter bettelte mehrmals in der Woche in umliegenden Dörfern um Brot, die Kinder versuchten dasselbe in der Stadt. Bevorzugte Adresse war eine Wehrmachtskaserne, in deren Abfällen sie nach Essbarem und Brennmaterial suchten. Eugeniusz Stefaniak berichtet sowohl über deutsche Soldaten, die Mitleid mit den ausgehungerten Kindern hatten und ihnen Lebensmittel, Kleidung und Seife zusteckten, aber auch über Wachen, die nicht davor zurückschreckten, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen, sobald sie die in den Abfällen der Kaserne wühlenden Stefaniaks bemerkten. Die Suche in Mülltonnen erstreckte sich auch auf Restaurants und einfache Häuser in der Stadt. Stefaniak ist sich sicher, dass er ohne diese Art der Nahrungsbeschaffung die Okkupation nicht überlebt hätte.

In den wenigen freien Minuten versuchten sich die Familienmitglieder, sich gegenseitig beizustehen und aufzumuntern. Die Mutter, eine einfache Frau ohne Schulbildung, gab ihr erstaunlich umfangreiches Wissen über die polnische Geschichte und Nationalhelden an ihre Kinder weiter und war, sicherlich von ihrem tiefem Glauben gestärkt, überzeugt davon, dass Hitler-Deutschland den Krieg verlieren und Chełmno eines Tages wieder frei sein wird.

Während sich ab Ende 1942 das Verhältnis auch zu angestammten polnischen Einwohnern wieder besserte, bekamen nun auch Eugeniusz und sein Bruder Ferdynand die Härte des Besatzungsregimes nicht nur in Form mangelnder Versorgung persönlich zu spüren. Der ältere Bruder musste zunächst bei einem deutschen Landwirt Zwangsarbeit leisten, wurde geschlagen, später als „Ersatz“ für den Bauernsohn zum Reichsarbeitsdienst und schließlich sogar nach Vollendung des 18. Lebensjahrs zur Wehrmacht eingezogen. Nach mehrmonatigem (unfreiwilligem) Dienst desertierte Ferdynand Stefaniak schließlich an der Westfront und beendete den Zweiten Weltkrieg nach einer Zwischenstation in England als Soldat der auf Seiten der Alliierten kämpfenden Polnischen Armee.

Als Eugeniusz Stefaniak 14 Jahre alt wurde, erhielt auch er als Pole automatisch den Status eines Zwangsarbeiters und wurde sog. Hilfsarbeiter im Obst- und Gemüsegeschäft des protestantischen Kaufmanns Wincenty Szalwicki, der trotz seines polnisch klingenden Namens nach eigenem Bekenntnis Deutscher war und in die II. Gruppe der Deutschen Volksliste aufgenommen wurde. Stefaniak wurde vom Geschäftsinhaber und seiner Frau grundsätzlich gut behandelt, auch wenn sie ihre privilegierte Position durch antipolnische Aussagen betonten. Er erhielt einen sehr geringen Lohn, hatte aber die Gelegenheit, unter Mithilfe eines Freundes ab und an Gemüse und Obst zu entwenden und so die Versorgungsprobleme der Familie zu lindern. Bezeichnend für seinen rechtlichen Status war, dass er nicht sozialversichert war und im Falle einer Erkrankung trotz schwerer Arbeit nicht auf ärztliche Hilfe zählen konnte.

Den Erlebnissen Stefaniaks während der letzten Kriegs- und Besatzungsmonate und der ersten Zeit nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee ist ein gesonderter Artikel gewidmet.