Schwetz (Świecie) – Großer Markt

Vor einigen Wochen hatte ich bereits einige Fotos vom 11. Mai präsentiert, die den im Frühjahr 2012 modernisierten Großen Markt (Duży Rynek) in Schwetz am der Weichsel (Świecie nad Wisłą) zeigen. Heute konnte ich einige weitere Aufnahmen machen.

Durch die Aufstellung vieler Sitzbänke ist der Große Markt wesentlich belebter als vor der Umgestaltung. Die Anfahrt mit dem Auto und die Parkmöglichkeiten haben sich jedoch eher verschlechtert.

Paul Goesch (1885-1940)

Der Maler und Architekt Paul Goesch kam am 30.08.1885 in Schwerin als sechstes Kind von Carl und Dorothee Goesch zur Welt. Der Vater war dort Landgerichtsrat und erhielt später einen Lehrauftrag an der Berliner Universität, wo Goesch seine Jugendzeit verbrachte. Er strebte den Beruf des Architekten an und studierte von 1903 bis 1910 Architektur in Berlin, München und Karlsruhe. Während der Studienjahre unternahm er Reisen nach Frankreich, Italien, Süddeutschland und an die Ostsee.

Paul Goesch unterhielt engen Kontakt zu seinem Bruder Heinrich und dessen Frau, einer Kusine von Käthe Kollwitz. 1909 zog er zu ihnen nach Dresden. Heinrich Goesch war Professor an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe. Die Brüder interessierten sich für Philosophie und visionäre Architektur. Sie entwickelten ein „allgemein befindliches System der Ästhetik mit mathematischen Grundlagen“. Ferner publizierten sie Gedichte. Paul Goesch hinterließ in einer Turnhalle in Laubegast, die seinem Freund Eberhard Goellner als Atelier diente, Wandmalereien mit Szenen aus dem Leben Buddhas als erste Zeugnisse seines künstlerischen Wirkens.

Traumphantasie
undatiert, Deckfarben über Bleistift auf Papier,
16,5 x 20,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Im selben Jahr erkrankte Goesch und verbrachte jeweils sechs Monate in Sanatorien in Hedemünden und in Tiefenbrunn bei Göttingen. Er konnte dennoch sein Studium abschließen und bestand 1910 in Berlin das Examen zum Regierungsbauführer. 1914 wurde er zum Regierungsbaumeister befördert. Als Anhänger der anthroposophischen Bewegung war er im Februar und März desselben Jahres am Bau des nach Plänen von Rudolf Steiner errichteten Goetheaneum in Dornach bei Basel beteiligt. Er begann nun auch, Zeichnungen und Aquarelle zu fertigen.

Selbstporträt
undatiert, Deckfarben über Bleistift auf Papier, 16,5 x 20,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Von 1915 bis 1917 war Paul Goesch als Regierungsbaumeister in Culm an der Weichsel (heute Chełmno nad Wisłą) tätig. Hier erkrankte er schwer. Er litt an Schizophrenie und wurde in der Heilanstalt in der Nachbarstadt Schwetz (Świecie nad Wisłą) behandelt, wo er sich bis Herbst 1919 aufhielt und zahlreiche Bilder malte.

Nachdem er aus der Heilanstalt in Schwetz entlassen wurde, zog er zu seinem Vater nach Berlin und verkehrte dort in Künstlerkreisen. Er wurde unter anderem Mitglied der Novembergruppe und des Arbeitsrats für Kunst. Goesch erkrankte erneut und kam auf Dauer in die Heilanstalt Göttingen, die sein Schwager leitete. In dem Zimmer, das er bewohnte, sind Wandmalereien erhalten geblieben.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde sein Schwager als Anstaltsleiter abberufen und Paul Goesch 1934 in eine andere Anstalt im brandenburgischen Teupitz verlegt. Die Werke Paul Goeschs waren nach dem NS-Kunstverständnis „Entartete Kunst“ und für eine 1937 organisierte Ausstellung wurden drei seiner Bilder in der Mannheimer Kunsthalle beschlagnahmt. 1938 stürzte Goesch in Teupitz und musste 1939 wochenlang im Rudolf-Virchow-Krankenhaus Berlin chirurgisch behandelt werden.

Im Rahmen des von der nationalsozialistischen Ideologie entwickelten und verwirklichten sogenannten Euthanasie-Programms fiel Paul Goesch der groß angelegten, unter dem Decknamen Aktion T4 durchgeführten, systematischen Ermordung von über 100000 psychisch kranken und behinderten Menschen während der NS-Zeit zum Opfer. Am 22.08.1940 wurde Paul Goesch durch Vergasung im alten Zuchthaus Brandenburg ermordet. Eine Arbeitsgruppe der Universität Heidelberg hat vor einigen Jahren ermittelt, dass der in vielen Publikationen zu findende Todesort Hartheim bei Linz in Oberösterreich nicht zutreffend ist.

Wandgemälde (fantastisches Triumphtor)
undatiert, Bleistift und Wasserfarben auf Papier,
45,8 x 57,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Von Paul Goesch sind Hunderte von Werken erhalten geblieben, die sich im Besitz verschiedener Einrichtungen befinden. Bereits in den zwanziger Jahren nahm Goesch an verschiedenen Ausstellungen in Berlin teil. In der Nachkriegszeit wurden Werke des Künstlers unter anderem in Berlin, Mannheim, Heidelberg und Los Angeles gezeigt.

Die Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg verfügt über 19 Blätter und ein Skizzenbuch aus der Heilanstalt Schwetz.

Der obige Lebenslauf Paul Goeschs beruht auf Informationen, die Frau Sabine Mechler von der Sammlung Prinzhorn (im Jahr 2005) freundlicherweise zusammengestellt hat, sowie den Angaben über den Künstler auf der Website http://www.abcd-artbrut.org. Das Foto Paul Goeschs sowie die Reproduktionen seiner auf dieser Seite abgebildeten Werke wurden ebenfalls von der Sammlung Prinzhorn zur Verfügung gestellt.

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags im Jahr 2005]

Schwetz an der Weichsel – Verlegung der Altstadt im 19. Jahrhundert

Der Teil von Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą), den man heute als Altstadt wahrnimmt, ist relativ jung, weil er erst infolge einer vollständigen Verlegung der Stadt im 19. Jahrhundert entstanden ist.

Am ursprünglichen Standort, einer seit dem 13. Jahrhundert besiedelten feuchten Niederung, der bei hohem Wasserstand des Flüsschens Schwarzwasser und der unweit gelegenen Weichsel ständig Überschwemmungen drohten, war das Leben für die Einwohner zur Qual geworden. So starben in den Jahren 1831 bis 1848 viele Menschen an der Cholera.

Deshalb trug man sich schon im frühen 19. Jahrhundert mit dem Gedanken, sich auf einem nicht vom Hochwasser bedrohten Gelände nördlich des bisherigen Ortes niederzulassen. 1830 richtete man, nachdem drei Jahre in Folge schwere Hochwasser Schwetz heimgesucht hatten, eine entsprechende Eingabe an den preußischen König. Weitere Überschwemmungen wurden in den Jahren 1837, 1841, 1844 und 1845 verzeichnet. Die Regierung gestattete jedoch erst 1857 die Verlegung, die ein Jahr später begann und erst 27 Jahre später abgeschlossen war.

König Wilhelm I. stellte Schwetz zunächst 20.000 Taler zur Verfügung, aber erst 1874, als die preußische Regierung der Stadt ein Darlehen in Höhe von 108.000 Mark gewährte, wurde das Großvorhaben beschleunigt. Dazu trugen auch weitere 90.000 Mark bei, die in Form von Bauprämien ausgezahlt wurden. Diese Prämien wurden Bürgern gewährt, die ihr altes Haus abrissen und ein ebenso großes in der neuen Stadt errichteten. Als Berechnungsgrundlage diente der Wert des bisherigen Hauses. Nach Abzug des Preises der nach dem Abbruch noch verwendbaren Baustoffe wurde dem Bauherrn ein Drittel des Hauswerts in Form dieses Zuschusses ausbezahlt.

Da ärmere Einwohner der Stadt trotz dieser Bauprämien aus eigener Kraft nicht in der Lage waren, sich neue Häuser zu bauen, wurden nach einem weiteren schweren Hochwasser im Frühjahr 1879 Spenden gesammelt, um diesen Menschen kostenlos Baugrundstücke zur Verfügung stellen zu können. Die Gesamtkosten der gesamten Umzugsmaßnahmen sollen rund 650.000 Mark betragen haben.

Im frühen 20. Jahrhundert wohnte bereits die gesamte Bevölkerung in der neuen Stadt. Markanteste Punkte der alten Stadt sind heute die Ruine der Deutschordensburg aus dem 14. Jahrhundert und die Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und in den achtziger Jahren instand gesetzt wurde.

Ansonsten erinnert nur noch wenig an das “alte” Schwetz, weil sich im einstigen Stadtgebiet heute vor allem Kleingärten und vereinzelte Häuser aus neuerer Zeit befinden.

 

Quellen:

  • Wacław Wojciechowski, Świecie Pomorskie niegdyś a dzisiaj, Grudziądz 1912
  • Website der Stadtverwaltung Świecie

Ergänzung vom 11. Juli 2012:

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags ist am 12.01.2008 erfolgt. Vor einigen Tagen habe ich in der Elbinger Digitalbibliothek (Elbląska Biblioteka Cyfrowa) eine knapp 100 Seiten starke und sehr detaillierte Darstellung mit dem Titel „Die Verlegung der Stadt Schwetz aus der Weichselniederung auf die Höhen am linken Schwarzwasserufer (1830-1885)“ aus dem Jahr 1908, verfasst von Dr. Gustav Kötz, entdeckt. Zwar habe ich diese Quelle noch nicht in den vorstehenden Beitrag einfließen lassen können, möchte aber wegen der ausführlichen und zeitnahen Darstellung des „Umzugs“ der Altstadt von Schwetz durch Dr. Kötz gleich auf dieses Werk hinweisen.

Interessant ist auch ein dieser Publikation beigefügter „Situations-Plan der Stadt Schwetz“, gezeichnet vom Deichinspektor Westphal aus Culm am 3. September 1830 nach einer älteren Karte des Artillerie-Leutnants Pippow vom Mai 1810. So lässt sich die Lage und Gliederung der „alten“ Altstadt von Schwetz gut nachvollziehen. Im Kleinformat habe ich diesen „Situations-Plan“ in den Artikel eingefügt. Durch Klick auf die Abbildung oder diesen Link können Sie eine größere Ansicht aufrufen.

Kaufhaus Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą)

Kaufhäuser waren vor dem Ersten Weltkrieg wichtige Werbekunden der Culmer Zeitung. Davon zeugen großformatige Anzeigen, die regelmäßig – meistens auf der letzten Seite – ihrer Ausgaben erschienen sind.

Im August 1911 sprach das Kaufhaus von Rudolph Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą) mit einer vierseitigen Werbebeilage in der Culmer Zeitung (Ausgabe vom 13. August) auch seine Kundschaft auf der anderen Seite der Weichsel an. Hier können Sie Abbildungen dieser Werbebeilage einsehen:

Seite 1
Seite 2
Seite 3
Seite 4

Vom 1932 verstorbenen Rudolph Conitzer (oft wird auch die Schreibweise „Rudolf“ verwendet) ist ein mit „Berlin 1929/30“ datierter, sechs Schreibmaschinenseiten umfassender, Auszug aus seiner Selbstbiographie erhalten geblieben. Dieser Auszug ist Teil der vom Leo Baeck Institute in New York aufbewahrten und dank Digitalisierung im Internet verfügbaren John H. Richter Collection 1904-1994 (Link zur Sammlung).

Lauf diesem Dokument wurde Rudolph Conitzer am 8. Mai 1851 in Jeżewo (Jeschewo), Kreis Świecie (Schwetz), geboren. Er besuchte zunächst die deutsche Landschule im Nachbardorf Taszewskie Pole (Taschauerfelde), später gemeinsam mit seinen Vettern Hermann Tuchler und Louis Jakob die jüdische Privatschule in Tuchola (Tuchel). Schließlich wohnte er bei seinem Onkel Bennheim in Świecie (Schwetz) und ging dort auf die Bürgerschule.

Rudolph Conitzers 1789 in der Nähe von Warschau geborener Großvater Aron ließ sich in Sępólno Krajeńskie (Zempelburg) nieder, sein Vater Moses kam am 3. Februar 1822 auf die Welt und lebte in Jeżewo. Er heiratete 1850 die am 1. Juni 1824 geborene Ernestine Bennheim. Sie hatten sieben Kinder, die Söhne Rudolph, Nathan (geb. 1857), Alexander (geb. 1859), Hermann (geb. 1862), Lothar und die Tochter Rahlchen. Die Conitzers waren relativ vermögend und beschäftigten zumindest für einige ihrer Kinder einen Hauslehrer. 1857 wurde ein massives Geschäfts- und Wohnhaus errichtet. Zur positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Jeżewo trug der Bau der Bahnlinie bei. Moses Conitzer erweiterte seinen Besitz um landwirtschaftlich genutzte Flächen. Außerdem richtete er in seinem Haus einen Synogogenraum mit Torarolle ein. Sein Geschäft vergrößerte Moses Conitzer dank der günstigen Konjunktur um Kurz- und Schnitt- sowie Eisenwaren.

Mit 13 Jahren trat Rudolph Conitzer eine Lehre bei Salomonsohn & Co. in Inowrocław an, kehrte aber nach einer vierwöchigen Probezeit wieder nach Hause zurück. Da sein Vater „im Schriftlichen weniger bewandert war“, übernahm er den Schriftverkehr und die Buchführung. Bis zum 1. Juli 1878 arbeitete Rudolph im Geschäft seines Vaters in Jeżewo, als er sich – nunmehr 27 Jahre alt – in Świecie (Schwetz) selbständig machte.

Seine Brüder eröffneten mit elterlichem Kapital ein Geschäft in Kwidzyn (Marienwerder). Conitzers Eltern zogen ebenfalls nach Kwidzyn um. Ab dem 1. Februar 1882 bestand dort das Manufaktur- und Modewarengeschäft „M. Conitzer & Söhne“. Moses Conitzer verstarb 1902.

Rudolph Conitzer schreibt über seine Firmengründung in Schwetz: „Am 1. Juli 1878 etablierte ich mich … in dem Jakob Bischerschen Hause am Grossen Markt, das neu erbaut wurde … ein Manufakturwarengeschaeft, und zwar nur mit allein erworbenem Geld.“

Im Februar 1880 heiratete Rudolph Conitzer die Tochter des Getreidehändlers und Spediteurs Dobrzynski aus Inowrocław. Er erinnert sich: „Die Mitgift von 15.000 Mark, die zur damaligen Zeit ein schoenes Kapital bedeutete, kam mir geschaeftlich sehr zu statten. (…) Nach einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, das ehemalige Neuss’sche Eckgrundstück am Grossen Markt (…) fuer 36.000 Mark zu kaufen. Im Laufe der Jahre habe ich es oefter umgebaut und aufgestockt, sodass es mit der Zeit durch die 12 Schaufenster, das Oberlicht, die Centralheizung eine Sehenswuerdigkeit von Schwetz wurde.“

Conitzer beteiligte sich auch mit wirtschaftlichem Erfolg an der Gründung der Schwetzer Zuckerfabrik und der Kalksandsteinfabrik. Seine Frau Rosa und er unternahmen Reisen nach Italien, Frankreich und England. Von 1903 bis 1906 war er Stadtrat, später (auch) Kreistagsabgeordneter. Er setzte sich für den Bau der Bahnverbindung Świecie-Laskowice (Schwetz-Laskowitz) ein. Außerdem schreibt er, die Einrichtung einer Reichsbanknebenstelle und einer kaufmännischen Fortbildungsschule in Schwetz sei auf seine Veranlassung erfolgt. Er spendete beträchtliche Summen für wohltätige Zwecke. Ab 1909 leitete Rudolph Conitzer die Einkaufsgemeinschaft der 12 Kaufhäuser der Familie Conitzer in Berlin, ohne jedoch seinen Wohnsitz in Schwetz vollkommen aufzugeben.

Am 12. November 1919 starb Rosa Conitzer, geb. Dobrzynski. Das Kaufhaus in Schwetz war nach dem Ersten Weltkrieg viele Jahre lang geschlossen und wurde 1929 für ein Drittel seines Werts verkauft.

Rudolph Conitzer starb 1932. Einige Jahre später, während der NS-Zeit, wurde die Familie Conitzer enteignet und ihre in Deutschland gelegenen Kaufhäuser „arisiert“. Neben Rudolph Conitzer hatten sich unter anderem seine drei Brüder Nathan (1857-1933), Alexander (1859-1951) und Hermann (1862-1936) sowie sein Cousin Alfred Conitzer (1881-1951) erfolgreich im Einzelhandel betätigt.

Großer Markt in Schwetz (Świecie) nach Modernisierung 2012

Der Große Markt (Duży Rynek) in Schwetz am der Weichsel (Świecie nad Wisłą) ist im Frühjahr 2012 grundlegend modernisiert und umgestaltet worden. Die folgenden Aufnahme stammen vom 11. Mai dieses Jahres.

Das erste Foto zeigt im Hintergrund ein markantes Gebäude aus hellen Ziegelsteinen mit einem Uhrenturm. Es handelt sich um das ehemalige Rathaus aus dem Jahr 1879, in dem heute das Standesamt untergebracht ist.