Aktion T4 – Ermordung von Patienten der Psychiatrischen Anstalt Schwetz (Świecie)

Ein tragisches Schicksal nahmen im Herbst 1939 nach der Besetzung Polens durch das nationalsozialistische Deutschland die damaligen Patienten der 1855 gegründeten und bis heute bestehenden Psychiatrischen Anstalt in Schwetz (Świecie), die im Rahmen der sogenannten Aktion T4 ermordet worden sind. Es wird geschätzt, dass in den besetzten Gebieten Polens nach Kriegsbeginn innerhalb weniger Monate 10000 bis 15000 psychisch kranke Menschen systematisch getötet wurden[1]. Vom 10. bis zum 17. September 1939 wurden von den 1200 Patienten der Psychiatrischen Anstalt in Schwetz rund 1000 in Wäldern im Kreisgebiet erschossen. Bewohner umliegender Dörfer wurden gezwungen, vor Ort Massengräber auszuheben. Bekannt ist, dass die Morde von einer 30 Mann starken Einheit des volksdeutschen Selbstschutzes unter dem Kommando des Schwetzer Brauereibesitzers Rost begangen worden sind. Auch SS-Männer des Wachsturmbanns Kurt Eimann waren an dem Massenmord beteiligt. Unter den Opfern aus der Schwetzer Anstalt befanden sich 120 Kinder.[2]
Das Oberste Nationaltribunal Polens, vor dem sich der Gauleiter von Danzig-Westpreußen Albert Forster nach dem Krieg wegen seiner Verbrechen verantworten musste, befasste sich unter anderem mit der Umsetzung des sogenannten Euthanasieprogramms im westpreußischen Raum. In diesem Zusammenhang wurde Aleksander Zielonka, der während der fraglichen Zeit Pfleger in der Psychiatrischen Anstalt Schwetz war, als Zeuge vernommen. Er sagte über die “Liquidation” dieses Krankenhauses Folgendes aus:

Vorsitzende des Tribunals: Wie verlief diese Liquidation?
Zeuge Aleksander Zielonka: In die Anstalt für psychisch Kranke kam damals ein gewisser deutscher Arzt, aus Hamburg, wie man sagte, um die Liquidation der Anstalt durchzuführen. Seinen Namen kannte ich nicht. Sein Nachfolger war Dr. Neber. Tag für Tag kamen Lastkraftwagen zur Anstalt gefahren. Auf einen wurden jeweils sechzig Kranke geladen. Es kamen mindestens zwei Fahrzeuge. Sie wurden irgendwo in die Gegend von Jeżewo gebracht und dort am Wald erschossen. Von einem SS-Mann, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, habe ich erfahren, dass sie deshalb erschossen wurden, weil sie eine Last für das Deutsche Reich waren. Die Liquidation dauerte etwa fünf, sechs Tage. Die übrigen Kranken, es waren 350 bis 370, wurden nach Kocborowo transportiert, wo sie auch erschossen wurden. Aus dem Munde eines Deutschen, der ein gutes Verhältnis mit den Polen unterhielt und für ein Gläschen Wodka viel erzählte, habe ich vom Verlauf der Exekution erfahren, bei der dieser Deutsche anwesend war. Er erzählte, dass aus dem Fahrzeug jeweils drei Kranke geführt wurden und im Bereich des Hinterkopfs erschossen wurden.
Danach wurde mit der Liquidation des Kinderpavillons begonnen. Die Kinder haben sich gefreut, dass sie mit einem Auto fahren, derweil wurden sie erschossen. Die Kinder wurden auf folgende Weise ermordet. Erst wurden sie alle auf eine Wiese gelassen und anschließend wurde auf sie geschossen wie beim Scheibenschießen.

Vorsitzende: Waren es viele Kinder?
Zeuge: Mehr als hundert.

Vorsitzende: Und alle wurden mit einem Transport weggebracht?
Zeuge: Ja, mit zwei Fahrzeugen.

Vorsitzende: Fand die Exekution an demselben Ort statt?
Zeuge: Ja, in Jeżewo.

Vorsitzende: In welchem Alter waren diese Kinder?
Zeuge: Im Alter von viereinhalb bis fünf Jahren.

Vorsitzende: Diese Kinder wurden also weggebracht und später wurde eine Jagd auf sie veranstaltet. Von wem haben Sie das erfahren?
Zeuge: Vom SA-Mann Treptow, der an dieser Exekution teilgenommen hat.

Vorsitzende: Hat Ihnen einer der SA-Männer erzählt beziehungsweise wissen Sie, auf wessen Anordnung die Vernichtung der geistig Kranken erfolgt ist?
Zeuge: Man sagte mir, dass man eine solche Anordnung aus Danzig (Gdańsk) erhalten habe.

Vorsitzende: Sind die polnischen Ärzte im Krankenhaus verblieben?
Zeuge: Sie blieben noch einen Monat lang, später kamen sie unter Hausarrest. Der Direktor der Anstalt wurde in unbekannte Richtung verschleppt. Man sagte, dass er getötet worden sei. Anderen Ärzten ist es gelungen zu flüchten.[3]

Quellen:
[1] Schenk, Dieter: Albert Forster gdański namiestnik Hitlera, Gdańsk 2002, S. 262
[2] Gut, Agata: Eutanazja – ukryte ludobójstwo pacjentów szpitali psychiatrycznych w Kraju Warty i na Pomorzu w latach 1939-1945, Website des Instituts des Nationalen Gedenkens www.ipn.gov.pl (03.04.2008)
[3] Podgóreczny, Marian: Albert Forster – gauleiter i oskarżony, Gdańsk 1977, S. 306 f

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 03.04.2008]

NS-Verbrechen am 8. Oktober 1939 in Schwetz (Świecie)

Am Culm gegenüberliegenden, westlichen Weichselufer erstreckt sich die Kreisstadt Schwetz (poln. Świecie), die 1938 von 8513 Menschen bewohnt wurde. Der Anteil der deutschstämmigen Bevölkerung in der Stadt betrug im Jahr 1934 6,5%. Im gesamten Kreisgebiet lebten fünf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 70620 Personen polnischer Nationalität, 13691 waren deutscher Herkunft und 211 jüdischen Glaubens[1]. In den Vorkriegsjahren entwickelte sich im Kreis Schwetz eine Ortsgruppe der NSDAP, die im Juli 1937 51 Mitglieder zählte. An Parteiveranstaltungen nahmen im Frühjahr 1938 über 100 Personen teil[2].

Ähnlich wie in Culm vollzog sich auch in Schwetz nach der Einnahme des Kreisgebiets durch die Wehrmacht Anfang September 1939 rasch der Aufbau des nationalsozialistischen Machtapparats. Von den Besatzern durchgeführte Verhaftungen und Erschießungen von Teilen der einheimischen, polnischen und jüdischen, Bevölkerung sind als prägende Vorgänge während der ersten Monaten der Besatzung nach dem Krieg eingehend untersucht worden. Besonders bemerkenswert ist ein schriftlicher Zeugenbericht über einen Massenmord auf dem jüdischen Friedhof von Schwetz am 8. Oktober 1939. Bemerkenswert deshalb, weil er vom Kompanieführer der 3. Kompanie der Krankentransport-Abteilung 581 der deutschen Wehrmacht stammt, die in dieser Zeit in Schwetz stationiert war, und an Hitler gerichtet ist. Das Dokument hat folgenden Inhalt:

An den obersten Befehlshaber der Wehrmacht und Führer des Deutschen Volkes Adolf Hitler. Auf dem militärischen Dienstwege! Ich melde: Am Sonntag, den 8. Oktober 1939 gegen 13 Uhr berichteten mir der Unteroffizier Kleegraf, Gefreiter Kluge sowie der Gefreite Roschinski im Beisein aller Kompanieoffiziere (Stabsarzt Dr. Frenz, Stabsarzt Dr. Witte, Stabsarzt Dr. Bertram, Assistenzarzt Dr. Jürgens, Assistenzarzt Dr. Laarmann, Unterarzt Strausberg) was folgt: Sie seien am Sonntag, den 8 Okt. gegen 9.30 Uhr etwa 150 Wehrmachtskameraden auf dem Judenfriedhof in Schwetz Augenzeugen der standrechtlichen Erschiessung von etwa 20-30 Polen gewesen. Die Exekution sei ausgeführt worden von einer Abteilung, bestehend aus einem Angehörigen der Schutzstaffel, zwei Männern in alter blauer Schupouniform und einem Mann in Zivilkleidern. Die Aufsicht habe ein Sturmbannführer der Schutzstaffel geführt. Es seien bei der Exekution auch 5-6 Kinder im Alter von etwa 2-8 Jahren erschossen worden. Die Obengenannten sind bereit, ihre Aussagen zu beeiden, gez. Dr. Möller, Oberstabsarzt der Reserve und Kompanieführer[3]

Einen genauen Eindruck von diesem Massenmord vermittelt die Schilderung des in der Meldung genannten Gefreiten Kluge:

Am Samstag den 7.10.1939 hörte ich bei einem Rundgang durch die Stadt bei Gesprächen unter Kameraden, daß am Vormittag auf dem Judenfriedhof in Schw. eine größere Zahl Polen erschossen worden seien; und daß am Sonntagmorgen nochmals eine Erschießung stattfinden sollte. Das Gespräch über die bevorstehende Erschießung war unter den in Schw. untergebrachten Soldaten allgemein. Infolgedessen begab ich mich am Sonntagmorgen mit dem größten Teil meiner Kameraden zum Judenfriedhof, wo wir bis 9 Uhr erstmals vergebens warteten. Wir wollten uns schon wieder in unsere Quartiere begeben, als ein größerer Autobus, beladen mit Frauen und Kindern, zum Friedhof hineinfuhr. Wir gingen nun wieder zum Friedhof zurück. Wir sahen dann, wie eine Gruppe von einer Frau und drei Kindern, die Kinder im Alter von etwa drei bis acht Jahren, von dem Omnibus zu einem ausgeschaufelten Grab von 8 m Breite und 8 m Länge hingeführt wurden. Die Frau mußte in dieses Grab hinabsteigen und nahm dabei ihr jüngstes Kind auf dem Arm mit. Die beiden anderen Kinder wurden ihr von zwei Männern des Ex. Kdos. gereicht. Die Frau mußte sich bäuchlings, d.h. mit dem Gesicht zur Erde, flach ins Grab legen, ihre drei Kinder zur Linken in derselben Weise angereiht. – Danach stiegen vier Mann ebenfalls in das Grab, legten ihre Gewehre so an, daß die Mündungen etwa 30 cm vom Genick entfernt waren, und erschossen auf diese Weise die Frau mit ihren drei Kindern. Ich wurde dann aufgefordert v. d. aufs. führenden St. Bannf., mit zuschaufeln zu helfen. Ich kam diesem Befehl nach und konnte daher aus nächster Nähe jedes Mal sehen, wie die nächsten Gruppen Frauen und Kinder in derselben Weise erschossen wurden. Im ganzen 9-10 Frauen und Kinder, jedesmal zu vieren in demselben Massengrab. Der Erschießung sahen in einer Entfernung von ca. 30 m etwa 200 Soldaten der Wehrmacht zu. Etwas später kam ein zweiter Omnibus mit Männern auf den Friedhof gefahren, darunter befand sich noch eine Frau. Diese Männer mußten in das Grab, in dem die frischen Leichen nur notdürftig mit Sand zugestreut lagen, steigen, sich bäuchlings der Länge nach hinlegen, wo sie dann von den vier Männern des Kds. durch Genickschuß erledigt wurden. Im ganzen wurden an diesem Morgen etwa 28 Frauen, 25 Männer und 10 Kinder im Alter von 3-8 Jahren erschossen.[4]

Die Exekutionen werden der SS unter Befehl der Sturmbannführer Meier und Tietzmann zugeschrieben[5]. Am 7. Oktober, den der Gefreite Kluge zu Beginn seiner Schilderung erwähnt, waren über 20 jüdische Personen, die zuvor im Gefängnis beim Gericht festgehalten worden waren, von SS- und SA-Angehörigen durch die Straßen der Altstadt zum jüdischen Friedhof getrieben worden, der sich an der ul. Polna befand. Nachdem die Gefangenen gezwungen worden waren, ihr eigenes, zweieinhalb Meter breites und zwei Meter tiefes, Grab mit einer Länge von 17 Metern auszuheben, mussten sich jeweils vier Personen in das Grab hineinlegen und wurden erschossen. An dieser Hinrichtung, die von Soldaten der Wehrmacht beobachtet wurde, nahm neben den Deutschen in SS- und SA-Uniformen auf Anordnung eines SS-Offiziers auch ein Wehrmachtsangehöriger teil. Der Soldat Fritz Brauner bestätigte am 9. Februar 1946 in seiner Aussage vor einem Gericht in Recklinghausen, dass er dabei vier Menschen tötete. Die übrigen Soldaten weigerten sich, an der Exekution teilzunehmen, teilweise sollen sie offen ihre Empörung geäußert haben[6].

Angesichts der Erschießung der Kinder war der verbrecherische Charakter der Tat mehr als offensichtlich. Das Propagandagetöse, mit dem in den besetzten Gebieten Polens kaltblütige Morde an der einheimischen Bevölkerung oftmals als gerechte Bestrafung für vermeintliche Gewaltakte gegenüber Deutschen dargestellt wurden, musste spätestens an diesem Tag bei den zuschauenden Wehrmachtssoldaten in Schwetz im Nichts verhallen. Zu mehr als einem Protestschreiben, nachdem man sich das sonntägliche Schauspiel unter aktiver Teilnahme eines Kameraden hatte bieten lassen, waren die Soldaten dieser Einheit jedoch nicht bereit.

——

Quellen:
[1] Wojciechowski, Mieczysław: Świecie w latach 1939-1945 (Schwetz in den Jahren 1939-1945), in: Miasta Pomorza Nadwiślańskiego i Kujaw w okresie I wojny światowej oraz w międzywojennym dwudziestoleciu (1914-1939). Zbiór studiów. Wydawnictwo Uniwersytetu Mikołaja Kopernika, Toruń 2000, S. 148 f.
[2] Wojciechowski, Świecie w latach 1920-1939, S. 188 f.
[3] Dieses Dokument wird mit Erläuterungen wiedergegeben in Bojarksa, Barbara: Zbrodnie niemieckie na terenie powiatu Świecie nad Wisłą (Deutsche Verbrechen auf dem Gebiet des Kreises Schwetz an der Weichsel), in: Przegląd Zachodni, Band 21 (1965); S. 96-118, S. 109
[4] Die Aussage Kluges wird im Wortlaut dargestellt in Madajczyk, Czesław: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Pahl-Rugenstein Verlag; Köln 1988, S. 15 f; Die Meldung der 3. Kompanie des Armeekrankentransports 581 lag dem Oberkommando des Heeres am 11. Oktober 1939 vor.
[5] Madajczyk, S. 15
[6] Bojarksa, Zbrodnie niemieckie …, S. 108 f

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 26.11.2004]

Frédéric Chopin in Schwetz

Der Komponist Frédéric (Fryderyk) Chopin, 1810 in Żelazowa Wola rund 50 km westlich von Warschau geboren, gilt als bedeutendste Persönlichkeit der polnischen Musikgeschichte. Bevor er 1830 sein Heimatland für immer verließ, studierte er von 1826 bis 1829 in Warschau bei Józef Elsner. In diesen Jahren unternahm Chopin viele Reisen und begab sich auch zum ersten Mal ins Ausland. Wie über so viele Aspekte seines Lebens liegen auch über diesen Zeitraum keine vollständigen Überlieferungen vor, die eine lückenlose Beschreibung seiner Aufenthaltsorte erlauben. Sehr wahrscheinlich ist es, dass er 1827 für kurze Zeit die Region Culm – Schwetz besucht und im Gutshof der Familie Zboiński in Koslowo (poln. Kozłowo) während einer Reise nach Danzig eine Zwischenstation eingelegt hat.

Koslowo war ein kleines Dorf südwestlich von Schwetz und ist heute ein Teil der Stadt. Der Gutshof ist 1910 abgebrannt, erhalten sind nur zwei Nebengebäude. An den Besuch des Komponisten erinnert eine Gedenktafel mit der Inschrift “Zur Erinnerung an den Aufenthalt Frédéric Chopins in Koslowo und Schwetz im Sommer 1985″, die am 27. November 1985 vom Schwetzer Ortsverein des Polnischen Verbands für Touristik und Landeskunde (PTTK) auf einem Findling in der Nähe des früheren Gutshofs angebracht wurde.

Dass es diesen Besuch gegeben hat, ist sehr wahrscheinlich. In einem in Kowalewo bei Płock verfassten Brief an seine Eltern beschreibt Chopin, dass ihn eine Reise über Turzno nordöstlich von Thorn (Toruń) und Koslowo bei Schwetz bis nach Danzig führen wird. Zweifel bestehen jedoch daran, ob er diese im Jahr 1825 unternahm. Der genannte Brief ist nämlich beschädigt und trägt kein Datum. Professor Andrzej Bukowski geht in einem 1987 veröffentlichten Artikel davon aus, dass der Brief nicht aus dem Jahr 1825 stammt, sondern zwei Jahre später verfasst wurde. Bukowski hat festgestellt, dass der 17-jährige Chopin Teil einer Reisegesellschaft war, die im August 1827 im Danziger Hotel Drei Mohren Quartier nahm. Zu dieser gehörte, wie es das Intelligenz-Blatt für den Bezirk der Königlichen Regierung zu Danzig vermeldete, unter anderem Graf Zboiński aus Koslowo. Bukowski nimmt an, dass Chopin vom 10. bis 15. und vom 21. bis 25. August in Danzig war. Dazwischen, vom 16. bis 20. August, hielt er sich auf dem Gut des Grafen Sierakowski in Großwaplitz (poln. Waplewo Wielkie) östlich von Stuhm (poln. Sztum) auf.
Daraus folgt, dass die von Chopin seinen Eltern angekündigte Reise tatsächlich stattgefunden hat. Von Turzno aus führte die Fahrt mit der Kutsche sicherlich über Culmsee (Chełmża) bis nach Culm (Chełmno), um dort die Weichsel zu überqueren. In Koslowo bei Schwetz war Chopin wahrscheinlich vom 4. bis 8. August 1827, um dann mit seinem Gastgeber, dem Grafen Zboiński, den er schon in Kowalewo getroffen haben dürfte, nach Danzig weiterzureisen. Möglich ist, dass er auch auf der Rückreise hier Station machte. Ob der junge Komponist den August 1827 tatsächlich so verbracht hat, ist nicht vollkommen gesichert. Unklar ist nämlich, mit wem Chopin wieder zurück ins zum russischen Teilungsgebiet gehörende Kowalewo und dann weiter nach Warschau gereist ist. Als Minderjähriger konnte Chopin die russisch-preußische Grenze nämlich eigentlich nur in Begleitung eines Erwachsenen überqueren, in dessen Pass er eingetragen war. Dazu fehlen bisher nähere Angaben.

Graf Ksawery Zboiński war mit den Eltern Chopins befreundet. Sie wählten ihn als Taufpaten für ihre Tochter Emilia aus. 1795 in Koslowo geboren, erbte Ksawery Zboiński das väterliche Gut, zu dem insgesamt 4855 ha Land gehörten. Hier soll er auch vornehmlich gewohnt haben. Nach dem gescheiterten Novemberaufstand 1830 geht er in die Emigration nach Krakau. Anfang 1848 nimmt er an einer militärischen Erhebung gegen die preußische Regierung teil, die er mit 40000 Talern und einer 40 Mann starken Einheit unterstützt. Er wurde festgenommen und in Graudenz (Grudziądz) sowie Pillau inhaftiert. Ksawery Zboiński starb 1853 in Koslowo, vier Jahre nach dem frühen Tod Frédéric Chopins.
Quellen:
Andrzej Bukowski, Chopin w Kozłowie, Kociewski Magazyn Regionalny nr 3, Tczew 1987
Jan. A. Kamiński, W Kozłowie Chopin grał mazurki, Kociewski Magazyn Regionalny nr 1, Tczew 1986
Piotr Mysłakowski, Andrzej Sikorski: Ksawery Zboiński (1795-1853), veröffentlicht im Juni 2006 auf der Website des Narodowy Instytut Fryderyka Chopina

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 13.01.2008]

 

Andrzej-Bobola-Kirche in Schwetz

Die heute dem heiligen Andreas Bobola (poln. Andrzej Bobola, 1592-1657) geweihte neogotische Pfarrkirche diente nach ihrer Errichtung in den Jahren 1891-1897 zunächst der protestantischen Kirchengemeinde von Schwetz. Ihr Bau kostete 250.000 Mark. Der Gustav-Adolf-Verein, ein evangelisches Hilfswerk, steuerte 29.000 Mark bei, der preußische König 50.000 Mark.
Nach 1945 wurde das Gotteshaus von der katholischen Kirche übernommen, die die durch Kriegseinwirkungen verursachten Beschädigungen beseitigte. Von 1985 bis 1988 wurden der Fußboden ausgetauscht und die noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Fenster mit Glasmalerien instand gesetzt. In den neunziger Jahren erhielten die weithin sichtbaren Kirchtürme eine neue Dachdeckung aus Kupferblech.

Quellen:
Website der Kirchengemeinde
Wacław Wojciechowski, Świecie Pomorskie niegdyś a dzisiaj, Grudziądz 1912, S. 65

[Erstveröffentlichung des Beitrags: 11.02.2008]

 

Friedhof der Psychiatrischen Anstalt in Schwetz

Friedhof der Psychiatrischen Anstalt in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą) - 22. April 2008

Die Psychiatrische Anstalt in Schwetz besitzt einen eigenen Friedhof, der sich an der ul. Wojska Polskiego in der Nähe des Krankenhauses befindet. Neben einer Kapelle gibt es auf dem umzäunten Friedhofsgelände vor allem ältere Gräber von Patienten sowie Ärzten.

Das am 22. April 2008 aufgenommene Foto unten zeigt das Grab des ersten polnischen Direktors der Anstalt, Dr. Stanisław Dekowski, der seit 1920 sein Amt ausübte und am 4. Juli 1931 verstorben ist. Beigesetzt sind an dieser Stelle weitere Mitglieder der Familie Dekowski. Erinnert wird mit einer Inschrift auch an den 1920 geborenen Sohn Kazimierz, der 1939 von den Nationalsozialisten nach der Besetzung der Stadt zunächst im Direktionsgebäude der Anstalt festgehalten und später in der Ortschaft Górna Grupa ermordet wurde.

Friedhof der Psychiatrischen Anstalt in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą) - 22. April 2008

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 30.10.2008]